Kultur : Klerikerklatsch

Von Denis Scheck

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Denis Scheck, Literaturredakteur beim Deutschlandfunk, bespricht einmal im Monat die „Spiegel“Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – nach der Sommerpause wieder parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“.

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10) Jürgen Neffe: Einstein (Rowohlt, 352S., 22,90 €)

Das facettenreiche Lebensbild eines Menschen, der unser Weltbild revolutioniert hat, zum fleischgewordenen Symbol der Genialität im 20. Jahrhundert wurde und sich gleichwohl bemerkenswert oft irrte. Neffes Biografie ist elegant strukturiert und überwindet so mühelos wie Einstein selbst die Kluft zwischen natur- und geisteswissenschaftlicher Kultur.

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9. Andreas Englisch: Habemus Papam (Bertelsmann, 336 S., 19,90 €)

Selten kann man die allmähliche Wandlung eines Journalisten zum Hofberichterstatter und schließlich zur Hofschranze so hautnah mitverfolgen wie in diesem peinlich gedankenarmen Buch über das vatikanische Wahlkönigtum. Dass die Usancen des Heiligen Stuhls es dem Vatikan-Korrespondenten Englisch nicht ermöglichten, dem alten oder dem neuen Papst wirklich nahe zu kommen, darf man ihm nicht vorwerfen. Sehr wohl aber, dass Englisch seine aus der Froschperspektive gewonnenen Beobachtungen zu einem Buch auswalzt, das nichts enthält außer Klerikerklatsch.

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8. Stefan Aust, Claus Richter, Gabor Steingart unter Mitarbeit von Matthias Ziemann: Der Fall Deutschland – Abstieg eines Superstars (Piper, 288 S., 19,90 €)

Der frischeste Erguss der deutschen Krisen-Onanie. Zwar kann dieses Buch nicht verbergen, dass es nur das Abfallprodukt einer Fernsehdokumentation ist. Sobald man aber begriffen hat, dass hier erwachsene Männer (und zwar ausschließlich Männer, Frauen dürfen nicht mitreden) Faul-Ei spielen, liest sich die Collage aus Interviews mit deutschen Bankern, Politikern, Gewerkschaftsführern und Industriebossen recht lustig.

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7. Alexander von Schönburg: Die Kunst des stilvollen Verarmens (Rowohlt, 224 S., 17,90 €)

Die Welt will belogen sein, schon klar. Aber so dreist belogen wie in diesem unnötigen Ratgeber über inexistente Probleme? „Die wirklich Armen sind – sosehr der Kapitalismus auch versucht hat, uns vom Gegenteil zu überzeugen – die Reichen“, schreibt Herr von Schönburg. Das ist nicht gelogen, das ist verlogen.

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6. Peter Scholl-Latour: Koloss auf tönernen Füßen (Propyläen, 360 S., 24 €)

Eine Recherche in die religiöse und soziale Verfasstheit der einzig verbliebenen Supermacht und eine tour d’horizon aktueller und vergangener Krisenherde des amerikanischen Imperiums. Zugegeben: Die schiere Überfülle von Peter Scholl-Latours Begegnungen und Beobachtungen legt einen gewissen Windbeutel-Verdacht nahe. Aber nein, nichts zu machen. Muss man so alt werden, so viel erlebt, gesehen und gelesen haben wie Peter Scholl-Latour, um so brillant analysieren, leichtfüßig Kontinente durchmessen und anschaulich Zusammenhänge beschreiben zu können? Keineswegs: Der junge Peter Scholl-Latour konnte das auch schon.

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5. Ben Schott: Schotts Sammelsurium (Aus dem Engl. von Matthias Strobel u.a, Bloomsbury Berlin, 162 S., 16 €)

Was man immer schon wissen wollte, aber sich nie zu fragen traute: Was bedeuten die Reinigungssymbole auf den Etiketten in unserer Kleidung eigentlich genau? Wie wickelt man einen Sari? Welche burmesischen Könige wurden von Elefanten zertrampelt? Auch wenn inzwischen zahllose Trittbrettfahrer Schotts geniale Idee eines Handbuchs des unnützen Wissens kopieren: Für das Original gibt es keinen Ersatz.

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4. Sabine Kuegler: Dschungelkind (Droemer, 352 S., 19, 90 €)

Die Lebensgeschichte einer jungen Frau, die als Kind von Missionaren bei einem Stamm von Steinzeitmenschen in Papua-Neuguinea aufwächst und darüber sowie über ihre Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung in den Westen schlicht, aber nicht doof zu erzählen weiß.

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3. Corinne Hofmann: Wiedersehen in Barsolai (A1-Verlag, 225 S., 19, 90€)

Schlichte, aber doofe Fortsetzung der Lebensgeschichte einer jungen Frau, die einen Massai heiratet, mit ihm ein Kind hat, bei seinem Stamm in Afrika lebt und darüber sowie über ihre Schwierigkeiten bei der Wiedereingliederung in den Westen und eine Reise zurück nach Afrika auf Steinzeitniveau zu erzählen weiß.

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2. Ayaan Hirsi Ali: Ich klage an (Deutsch von Anna Berger und Jonathan Krämer, Piper, 224 S., 13,90 €)

Das Pamphlet einer inzwischen nicht nur in den Niederlanden als Politikerin bekannten Aktivistin für die Emanzipation der islamischen Frau und die Notwendigkeit einer islamischen Aufklärung. Grob, aber gut.

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1. Peter Hahne: Schluß mit lustig (Johannis, 128 S., 9, 95 €)

Der geistige Offenbarungseid eines Christenmenschen von schlichtem Gemüt, sehr unappetitlich, weil der Autor weder aus seinem Herzen noch aus seinem Hirn eine Mördergrube gemacht hat und wirklich schreibt, was er denkt. Weil Herr Hahne aber nicht so gern denkt, sondern lieber nachbetet, nennt er den Apostel Paulus den „größten Intellektuellen der Antike“, worüber man lange kichern kann. Und er scheut sich nicht, Sätze zu schreiben wie: „Die Schalmeien der Multikulti-Folklore sind verstummt.“ Mag sein, doch die Schalmeien der Literaturkritik sind noch da und können diesem Schwachsinn kräftig den Marsch blasen.

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