Kultur : Klicken Sie auf den Maestro!

Frederik Hanssen

Das fängt ja gut an: Keine zwei Monate ist der neue Philharmoniker-Intendant Franz Xaver Ohnesorg im Amt, da kann er auch schon den gewichtigsten Fundraising-Erfolg einer Berliner Kulturinstitution verbuchen. Fast en passant verkündete der weltgrößte Klassiksponsor Alberto Vilar jetzt, er werde den Aufbau eines Jugendförderprogramms der Philharmoniker finanzieren. Bis zu sagenhaften 100 Millionen Mark wolle er dafür in den nächsten Jahren springen lassen.

Alle Träume werden wahr, ist dein Freund der Herr Vilar! In der Tat pflegt Ohnesorg die Kontakte zu dem philanthropischen Multimillionär seit langem. Als Chef der New Carnegie Hall hat Ohnesorg zusammen mit Vilar bereits ein "Education"-Programm entwickelt. Genau so etwas soll es nun auch in Berlin geben - so wie es sich der neue Chefdirigent der Philharmoniker, Simon Rattle, stets gewünscht hat. Freilich war er mit seinem Ansinnen beim finanziell klammen Berliner Senat stets auf lange Gesichter gestoßen. Dank des 60-jährigen Mäzens, der weltweit bisher 400 Millionen Dollar für die Kultur gespendet hat, wird sie nun doch noch Wirklichkeit.

Der Begriff "education" lässt sich schwer ins Deutsche übersetzen. Eigentlich ist damit genau das gemeint, was früher in bürgerlichen Haushalten selbstverständlich war, nämlich dass sich Kinder von frühester Jugend an daran gewöhnen können, dass es Spass macht, sich auf die so genannte Hochkultur einzulassen - weil sie ihnen von den lesenden, Hausmusik machenden, in Chören singenden Eltern vorgelebt wurde. Weil die Freizeitindustrie mit immer neuen Produkten um die Gunst der Konsumenten buhlt und die Generation Golf vor lauter Karrieremachen kaum noch Zeit für die Künste findet, sehen die Kulturmacher ihre bildungsbürgerliche Stammkundschaft vergreisen, ohne dass Nachwuchs in Sicht wäre.

Darum will Franz Xaver Ohnesorg nun das Ruder herumreißen und die musikalische Basisbildung selber unters Volk bringen. Auf fünf Jahre ist sein Konzept angelegt, rund 100 Millionen Mark könnte es kosten. Zum einen soll eine interaktive Internetseite der Philharmoniker entstehen, die zielgruppenorientiert vom Kindergartenkind bis zum interessierten Erwachsenen die ganze Bandbreite der potenziellen Kundschaft mit spannenden Informationen versorgt. Zum anderen will man den Nachwuchs in den Schulen abholen, ihnen die Philharmonie zeigen und sie schließlich ins Konzert einladen - auf Tickets, die von Alberto Vilar bezahlt werden. Dankesbriefe erwartet Vilar für sein Engagement von den jungen Hörern nicht - er sähe es lieber, wenn deren Eltern zum Scheckbuch griffen, um ihren Teil zu dem Projekt beizutragen, erklärt Ohnesorg im Gespräch mit dem Tagesspiegel.

Dass Menschen wie Vilar wichtig sind - nicht als Platzhalter für das kulturelle Pflichtprogramm einer Kulturnation, sondern als Finanziers von Zusatzangeboten - hat man inzwischen auch in der Politik begriffen. Gerade ist Vilar auf Einladung der Bundesregierung in Deutschland unterwegs. Neben Vorträgen über sein mäzenatisches Konzept unter anderem in der Berliner Hochschule für Musik "Hanns Eisler" traf er mit Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin zusammen, gestern nahm sich Klaus Wowereit zwischen den Koalitionsverhandungen Zeit für ein ausführliches Gespräch. Außerdem hat er einen Termin beim bayerischen Kultusminister Hans Zehetmair.

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