Kultur : Klimmts Rücktritt: Eingewechselt

Carsten Germis

Kurt Bodewig, der designierte neue Verkehrsminister, bekam keine Schonfrist. Am Donnerstagmorgen, sagt er, habe er das Angebot bekommen, Nachfolger von Reinhard Klimmt zu werden. Wenige Stunden später musste er in Berlin schon vor die Presse treten, um zu erläutern, mit wie viel Milliarden Mark die Bundesregierung ab 2001 die Sanierung und Modernisierung des maroden Schienennetzes der Bahn vorantreiben will. "Ich bin heute hier als Parlamentarischer Staatssekretär", sagte er, ein bisschen nervös die Hände reibend, aber lächelnd. Es dauert eben seine Zeit, bis ein neuer Minister seine Ernennungsurkunde erhält. Er danke dem Bundeskanzler für sein Vertrauen, sagte Bodewig: "Ich werde den Antrag annehmen."

Bodewig, 45 Jahre alt und Vater von zwei Kindern, legt damit eine Karriere vor, die es im Bundestag selten gibt. 1998 wurde er zum ersten Mal in den Bundestag gewählt. Erst seit dem 20. März 2000 war er Parlamentarischer Staatssekretär bei Bundesverkehrsminister Reinhard Klimmt. Und jetzt Minister. "Dieses Ressort ist eine großeHerausforderung und eine wichtige Aufgabe für unser Land", sagte er. Dann, später, wieder dieses Lächeln, und über die leicht gespitzten Lippen kommt die Bemerkung, "dass ich ihnen versichern kann, dass ich mir diese Aufgabe zutraue".

Druck aus Nordrhein-Westfalen

Offenkundig trauen andere das Bodewig auch zu. In der SPD-Bundestagsfraktion jedenfalls war die Freude groß, als Bundeskanzler Gerhard Schröder die Abgeordneten in der kurzen Fraktionssitzung am Donnerstagmorgen um kurz nach neun Uhr nicht nur über Klimmts Rücktritt informierte, sondern auch gleich den Namen des Nachfolgers präsentierte. "Wir haben gejubelt." Mit diesen Worten beschrieb ein Parlamentarier die Stimmung. Mit Bodewig ist einer aus ihren Reihen in die Regierung aufgerückt, noch dazu einer aus Nordrhein-Westfalen, der stärksten Landesgruppe in der Fraktion. "Seine Ernennung zum Minister ist eine gute Entscheidung für die Verkehrs- und die Baupolitik", erklärte die verkehrspolitische Sprecherin Angelika Mertens. Sie sagte auch, warum. "In seiner kurzen Amtszeit als Parlamentarischer Staatssekretär hat er sich als guter Interessenvertreter seines Ressorts und als hartnäckiger und durchsetzungsstarker Verhandler erwiesen."

Der Bundeskanzler hat Bodewig das Angebot, Nachfolger von Klimmt zu werden, nicht persönlich gemacht. "Es sind überraschende Ereignisse", sagte Bodewig nur und schwieg eisern auf Fragen, wer ihn wohl vorgeschlagen und wer ihm das Angebot des Kanzlers überbracht hat. Den entscheidenden Anruf wird Schröder wohl seinem Kanzleramtsminister überlassen haben. Doch schon am Vortag war der designierte Verkehrs- und Bauminister kaum zur Ruhe gekommen. "Ich habe eine Vielzahl von Vertretern aus der Koalition und der Regierung gesprochen", berichtete er. Mit wem? "Sondierungsgespräche sind Sondierungsgespräche." Darüber spreche man öffentlich nicht.

Als Parlamentarischer Staatssekretär hat sich der vor einem Jahr noch nahezu unbekannte Bodewig in seiner Fraktion schnell Anerkennung verschafft. Vor allem bei dem Thema, über das eigentlich Klimmt am Donnerstag in Berlin noch informieren wollte, wird ihm gute Arbeit bescheinigt: Wie werden die Milliarden aus der Versteigerung der UMTS-Milliarden verteilt? Selbst als er eine Woche Ferien bei der Familie in seiner nordrhein-westfälischen Heimat machte, musste er pausenlos unterwegs sein. "Ich habe versucht, dass meiner Frau und den Kindern zu erklären", schob er in Gesprächen nach und versuchte, sich mit diesem Satz mehr selbst zu überzeugen als sein Gegenüber.

Bodewig ist ein Familienmensch. Zwei Söhne im Alter von zwei und einem Jahr hat er, "und damit ist auch eine Verantwortung verbunden." Deswegen habe er vor seiner Entscheidung auch das Einverständnis seiner Frau Astrid eingeholt, berichtete er. "Ich denke, dass gehört zu einer guten Partnerschaft dazu." Als Minister für Verkehr und Bau sieht sich Bodewig in der Kontinuität. Klimmt habe als Minister "wichtige Entscheidungen auf den Weg gebracht", sagte er. Das Profil eines erfolgreichen Ministers beschreibt er so: "Dass man strategisch denkt, und dass man innovativ arbeitet."

Wo steht der Neue politisch? "Das ist ein Modernisierer mit Bodenhaftung", beschreibt ihn Detlev Samland, der nordrhein-westfälische Europaminister. Mit dem Begriff der "neuen Mitte" hat er wenig Probleme. In der Partei hat er immer wieder gemahnt, "offen zu sein für neue Wege", ohne freilich die traditionellen Wähler zu verprellen. Die Verbundenheit mit der Basis hat Bodewig nicht zuletzt bei den Gewerkschaften gelernt. Nach seiner Ausbildung bei der Düsseldorfer Sparkasse zum Wohnungskaufmann wechselte er rasch zum DGB, wo er im nordrhein-westfälischen Landesbezirk für die Sozialpolitik zuständig war. Sozialpolitik stand auch am Anfang seiner Karriere als Bundestagsabgeordneter in Berlin. Dort engagierte er sich auch im "Netzwerk Berlin", in dem die jungen Abgeordneten aus der Fraktion aktiv sind. Das klassische Rechts-Links-Schema stimme heute nicht mehr, meint er. "Ich fühle mich keinem Flügel zugerechnet."

Ausgleich vom künftigen Ministeramt will Bodewig bei Radtouren suchen. Neben Verteidigungsminister Rudolf Scharping gibt es dann einen zweiten passionierten Radfahrer im Kabinett. Straßenrennen sind die beiden bereits zusammen gefahren. Unbekannt ist noch, wer schneller war.

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