Kultur : Klinge im Kopf

Die Liars gelten als New Yorks verrückteste Punk-Band. Dabei lebt ihr Gründer an der Spree. Ein Besuch bei Angus Andrew

Kai Müller

Er sei gerade erst aufgewacht, sagt Angus Andrew und macht eine fahrige Handbewegung ins Zimmer hinein. Als wenn das eine Entschuldigung wäre. Auf 20 Quadratmetern Parkettfußboden stapeln sich Kisten, Scheinwerfer, Stative, Styroporplatten und allerlei anderes Filmgerät. Eine schmale Gasse von der Tür zum Sofa ist frei geblieben. Zwei Mädchen sitzen mitten in dem Gerümpel auf Andrews Bett und blättern in einem Magazin. Er schickt sie raus.

Man würde nicht darauf kommen, dass der schlacksige, düster blickende Mann, der seinem Landsmann Nick Cave frappierend ähnlich sieht, Musiker ist. Im Moment ist er es auch nicht. Nebenan und in der Küche wird ein Kurzfilm nach dem Velvet-Underground-Song „The Gift“ gedreht – mit Andrew als Hauptdarsteller. Dafür kauert der Zwei-Meter-Mann, in dessen Mähne ein Blitz eingeschlagen haben könnte, die meiste Zeit in einer engen Kiste. Andrew spielt einen Burschen namens Waldo Jeffers, der sich seiner entschwundenen Freundin in einem Paket hinterherschickt. Er will sie überraschen. Aber sie weiß nicht, wie sie die Kiste öffnen soll. So nimmt sie ein Küchenmesser und bohrt es durch den Karton, schlitzt die Polster und Waldo Jeffers Schädel auf – „which caused rhythmic arcs of red to pulsate gently in the morning sun“, singen Velvet Underground.

Tragisch. Man sollte nicht zu originell sein wollen. Am Ende kapiert es keiner. Eine Erfahrung, die Angus Andrew auch schon gemacht hat. Als er vor sechs Jahren in New York die Band Liars gründete, wurde deren Mischung aus herb groovendem Fun-Punk und elektronisch-expressiven Klangflächen sofort unter dem Hype subsumiert, den zeitgleich The Strokes entfachten. Die Liars galten plötzlich neben Bands wie den White Stripes, Yeah Yeah Yeahs und The Hives als große Pop-Hoffnung. Doch mit dem zweiten Album, das die Band 2004 im Keller eines Hauses in New Jersey aufnahm, folgte die Ernüchterung. „Wir dachten“, erzählt Andrew, „dass wir uns noch gar nicht stark genug geöffnet hatten, als dass man uns hätte beurteilen können.“ Das avancierte Konzeptalbum „They were wrong, so we drowned“ über die Walpurgisnacht wurde nur vor dem Hintergrund des fulminanten Debüts betrachtet – und fiel durch.

Dabei hätte man es besser wissen können: Mit Pop hat der Zertrümmerungsstrudel der Liars nichts zu tun. Schon ihr Erstling (2002) mit dem sinngemäßen Titel „Sie warfen uns alle in einen Schützengraben und stellten ein Denkmal oben drauf“ experimentierte mehr mit tanzbaren Beats, als dass es sie benutzte. Und Andrew selbst bezeichnet sich nicht mal als Musiker. „Ich könnte mir jetzt nicht die Gitarre greifen und einen Song herunterspielen“, sagt der 28-Jährige. In seiner Jugend im australischen Sydney habe er nur „Mainstream-Kram“ gehört, wissend, dass er so was niemals hinkriegen würde.

Stattdessen das: ein flimmernder Akkord, offen, mit viel Hall, sehr schnell angeschlagen, endlos gedehnt, ein Ewigkeitsrauschen. Da hinein poltert der Morsecode des Schlagzeugs. Dam Dam Damdada-dam sagen die Trommeln. Noch einmal. Immer wieder Dam Dam Damdada-dam. Bis plötzlich der Akkord wegsackt, sich fängt und in den Tonstrom zurückkehrt. So beginnt „Drum’s not dead“, das dritte Liars-Album, das vergangene Woche erschien (Mute). Es ist eine beinahe 50-minütige grandiose Rockmeditation, bei der Andrew Sätze wie „Your blood can tell you“ jault und wimmert, sich Chöre erheben und wieder zerfallen. Reiner ist Rockmusik selten beschworen – und aus den Angeln gehoben worden. Die Platte sei eine Hommage an das Primitive, sagt Andrew: „Trommeln sind simpel. Wenn du doll zuschlägst, wird’s laut, wenn du sie streichelst, dann flüstern sie.“

Vor einem Jahr siedelte der Australier Andrew von Brooklyn nach Kreuzberg über und bezog ein WG-Zimmer im Schatten des Heizkraftwerks Mitte. Wie stark die neue Platte, mit der die Liars sämtliche musikalischen Brücken hinter sich abbrechen, davon beeinflusst wurde, dass die Band sie in den Studios des ehemaligen DDR-Rundfunks einspielte, ist auch für Mastermind Andrew schwer einzuschätzen.

Mit ihrem spröde-orgiastischen Drum- Trance erinnern er, Gitarrist Aaron Hemphill und Drummer Julian Gross stark an das Frühwerk der „genialen Dilettanten“, als die Westberliner Punk-Bohemiens Ende der Siebziger den Rock’n’Roll mit Kunsttheorien der Avantgarde verschmolzen.

Angus Andrew nickt. Der Vergleich mit den Einstürzenden Neubauten leuchtet dem 28-Jährigen ein, obwohl er 1980, als Blixa Bargeld & Co ihr erstes Konzert im Moon gaben, drei Jahre alt war. Er nippt an einem Wasserglas und zerdrückt seine Zigarette auf einer Untertasse. „Kunst ist kein sakraler Boden“, entgegnet er, der sich als postmoderner Künstler versteht. „Deshalb haben Leute, die ihn zum ersten Mal betreten, auch den interessantesten Zugriff.“ An den Füßen baumelt ein Paar karierter Hausschuhe.

Auch „Drum’s not dead“ trägt Züge eines Konzeptwerks: Durch die Songs geistern zwei Figuren, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Die eine, Drum, ist fordernd, impulsiv und von der Zuversicht beseelt, dass sie auf dem richtigen Weg ist. Die andere, Mount Heart Attack, wird von Zweifeln und der Angst geplagt, dass alles vergeblich ist. „Es ist schwierig genug, dass wir drei übereinstimmen“, sagt Andrews über den Konflikt beider Kräfte innerhalb der Band. „Alles, was daraus folgt, ist ein Mysterium.“

Als sich eine Vorstufe der Liars das erste Mal in Los Angeles formierte, bestand die Band aus Kunststudenten, die zwischen den Vorlesungen auf Instrumente des Konservatoriums einprügelten. Andrew war da noch auf Installationen spezialisiert, doch mit der Musik kam etwas hinzu, dessen er sich als Künstler nicht so recht zu bedienen wusste: Worte. Zwar fragte ihn sein Vater, ein Werbefachmann, warum er Texte schreibe, wenn sie niemand verstehe, doch waren sie die Eintrittskarte in die Welt einer neuen Evidenz, der systematischen Extase. „Wir begannen damit, Instrumente zu spielen. Heute spielen wir uns als Persönlichkeiten. Die Art“, fährt er fort, „wie Musik konsumiert wird, hat sich dramatisch verändert. Die Leute erwarten mehr als zwölf Songs in einer Plastikhülle. Kunstwerke sind tot, wenn sie nicht über sich hinausgehen.“ Deshalb würden viele Popmusiker 12 000 Dollar für aufwändig inszenierte MTV-Videos ausgeben. Die Liars sind bescheidener. Auf „einen Dollar“ beziffert Andrew die Kosten für jeden der 36 Kurzfilme, die der Platte in Form einer DVD beiliegen (Spieldauer: 143 Minuten).

Auf der Video-Collage sieht man Andrew in einem Gewand über die Bühne hüpfen, auf dem „Stop Shopping“ steht. Es hängt jetzt über dem Sofa seines Berliner Domizils, auf der gegenüberliegenden Wand prangt eine große Weltkarte. Man braucht sie, um all die Orte wiederzufinden, an denen Andrew schon gelebt hat – Manila, Melbourne, Sydney, Los Angeles, New York. Er sei ein „Drifter“, sagt er schmunzelnd. Er brauche eine Umgebung, die ihn automatisch zum Außenseiter mache. „I wanna ruuuun far“, singt Andrew im schönsten und letzten Song der Platte. Und weiter: „I can always be found/ When you need me.“

Liars spielen am 10. März im White Trash Fast Food (Schönhauser Allee 6-7, Prenzl’ Berg)

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