Kultur : Klingt ein Lied in allen Deutschen

Eröffnung der ersten Ruhr-Triennale: Matthias Hartmann, Parviz Mir-Ali und Albert Ostermaier finden eine neue Vatersprache

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Von Frederik Hanssen

„Jeder Unfall ist sofort zu melden!" Die Botschaft der grellgelben Metalltafel am alten Hochofen in der Essener Zeche Zollverein ist unmissverständlich. Und Gerard Mortier, der Leiter der Ruhr-Triennale, musste dieser Pflicht noch vor dem Start des neuen Festivals nachkommen. Die Premiere, mit der er das Festival am Sonnabend auf dem gerade offiziell zum Weltkulturerbe gekürten Essener Zechengelände eröffnen wollte, drohte im Hochsommer plötzlich zu platzen: Moritz Rinke und John von Düffel, die zugesagt hatten, parallel zu ihrem Wormser „Nibelungen"-Projekt eine „Reise durch das deutsche Liedergut" zu konzipieren, kamen mit den Vorstellungen ihres Regisseurs Matthias Hartmann nicht zurecht und stiegen kurzfristig aus dem Projekt aus. Mortier rotierte und verkündete den GAU, den größten anzunehmenden Umbau: Statt pantomimischer Szenen aus einem Vorstadt-Mietshaus werde Hartmann nun zusammen mit dem Komponisten Parviz Mir-Ali einen Monolog von Albert Ostermaier in Ton und Bild setzen. Schon rieben sich die Kritiker des Kulturmanagers die Hände, sahen Mortiers neues Festival bereits vor dem Startschuss die Ruhr runtergehen. In der Region mit der höchsten Theater- und Opernhaus-Dichte der Welt fragen sich sowieso viele, wozu man noch ein teures Eventfestival in Industriekultur-Denkmälern braucht.

Mit einem Wort: Im Ruhrpott herrscht derzeit genau das Klima, bei dem Mortier zur Hochform aufläuft. Gegen Attacken von allen Seiten hat er zehn Jahre lang in Salzburg Spitzenkunst gemacht. Und tatsächlich: Auch diesmal hat er es wieder allen gezeigt. Die Uraufführung am Sonnabend kann nur als Triumph bezeichnet werden. Anders als es die Gelsenkrichner-Barock-Optik der Festival-Prospekte es vermuten ließ, enthielt sich der Abend des modisch-allzumodischen Trashs. Denn Hartmann nahm Ostermaiers Text genauso ernst, wie er gemeint ist. Ein starkes, sehr poetisches Gedicht hat der Dramatiker geschrieben, die Aussprache eines Sohnes mit dem unbekannten Vater. Nach dem Tod seines Erzeugers, den er nie gesehen hat, kommt Wolf in dessen Wohung. Hier entspinnt sich ein fiktiver Dialog über Identitäten. Sehr ernsthaft. Sehr deutsch. Und doppelgesichtig wie die Zeche Zollverein selber: pures Understatement und doch gleichzeitig monumental. Das zarte Stahlskelett, das die gigantischen Hallen trägt, behauptet Leichtigkeit, wo es um schwerste Arbeit geht, dunkelroter Backstein und schmale, gebäudegliedernde Fensterbänder atmen edle Kühle, wo doch glühende Hitze herrscht.

Ostermaiers Stück ist die erste Versuchsanordnung in einer Experimentalreihe mit „inszenierter Kammermusik", die Mortier programmatisch an den Anfang setzt: Christoph Marthaler zeigt seine Zürcher Schubertiade von der „Schönen Müllerin“ und setzt Schönbergs „Pierrot Lunaire“ mit Messiaens Endzeit-Streichquartett in Szene. Oliver Herrmann schickt die Sopranistin Christine Schäfer auf „Winterreise“, Schorsch Kamerun visualisiert Eislers „Hollywood Elegien“.

Dann erst kommen die Großproduktionen: Klaus Michael Grüber wagt sich mit „Don Giovanni" in Recklinghausen an seine erste Mozart-Regie, Peter Sellars zeigt Euripides’ „Kinder des Herakles“ in Bottrop. Für 2003 und 2004 sind Patrice Chéreau und Peter Brook, Marc Minkowski, La Fura dels Baus und Robert Wilson angekündigt.

Gerard Mortier setzt nicht auf das blinde Vertrauen des Publikums wie die Berliner Festwochen, die ihren ambitionierten Neustart einfach so in die hauptstädtische Kulturlandschaft klotzen. Mortier lässt seine Beziehungen spielen und lockt alles, was in der internationalen Avantgardeszene Klang und n hat, an die Ruhr – ohne dabei die Lokalmatadoren zu verprellen: Kooperationen sind mit den lokalen Opernhäusern geplant, mit dem Bochumer Schauspielchef Matthias Hartmann trug einer der Ruhrpottstars zum glanzvollen Start bei.

Wer auf dem schnellen Zugweg bei der Lektüre von Ostermaiers Monodram „Vatersprache“ noch an der szenischen Kompatibilität gezweifelt hatte, wurde von der Aufführung dann geradezu überrumpelt, vor alle von der schillernden Klang-Collage des Musikmachers Parviz Mir-Ali. Trotz des kurzfristigen Libretto-Wechsels gelang es dem 1967 geborenen Komponisten, sich den Text zu eigen zu machen, dem Monodram eine Partitur für elf Sänger zu unterlegen. Der von Martin Lange koordinierte Chor wird dabei nicht für Schnulzen-Stapstick missbraucht, wie er inzwischen in jeder besseren ProvinzInsznierung üblich ist. Wie Opernmusiker unterhalb der Spielebene platziert, liefern die Sänger eine Art Wagnerschen Orchesterkommentar. Die kleinen Männlein und Weiblein im Ohr des Protagonisten – mehr als er selber – flüstern ihm Erinnerungen ein, treten gar in Dialog mit seinen Gedanken, bis Zeiten und Erinnerungen ineinander wirbeln. Ein schwebendes Lohengrin-Intermezzo gleitet hinüber in einen Rap, „Marmor, Stein und Eisen bricht“ unter Jodelkoloraturen, den „Freischütz"-Jägerchor zerfetzt Rio Reisers Röhre. Die virtuose, mundgemachte Klangebene wird kontrapunktiert von den faszinierenden Hightech-Zaubereien des Bühnenbildners Volker Hintermeier. Marcus Bluhm bewegt sich als suchender Sohn zwischen zwei Gazewänden, auf denen immer sein Gesicht in Nahaufnahme erscheint, in der Bewegung erstarrt und sich in Pixel auflöst. Wenn er in alten Fotos kramt, sieht man auch die riesengroß auf der Projektionsfläche, bevor sie sich im nächsten Moment im Licht auflöst, um den Blick auf ein Zimmer oder eine Filmeinspielung freizugeben.

Hartmann und seinem Team gelingt es, den Worten szenische Struktur zu geben, ohne den Text optisch zu überblenden. Marcus Bluhm entwickelt die Figur mit konzentrierter Gelassenheit, steigt hinab in die Erinnerungen, erforscht die rätselhafte Landkarte, die der Vater ihm ist. Dieser Mittdreißiger müsste eigentlich Michel heißen und nicht Wolf, denn er begibt sich auch auf eine Stellvertreterexpedition durchs deutsche Vaterland, sucht nach nationalen Identifikationspunkten in Ostermaiers „Land der Dichter und Banker“. Dass nicht gelacht wird nicht an diesem Heimatabend, mag unterhaltsunssüchtige Eventhopper verärgern. In seiner unzeitgemäßen Ernsthaftigkeit aber steht er in wohltuendem Kontrast zur aktuellen Bühnenmode.

Wenn am 13. Oktober die erste „Staffel" der Ruhr-Triennale vorbei ist, beginnt bereits die Suche nach Mortiers Nachfolger. Wie bei der Kassler Documenta oder der Kunst-Biennale von Venedig soll nämlich jeder Festival-Zyklus von einer anderen Persönlichkeit gestaltet werden. Mit dem zweiten Mann, der dann nicht mehr auf den Reiz des neuen setzen kann, aber steht und fällt die Zukunft des ehrgeizigen Projekts, da sind sich die Beobachter einig. NRW-Kulturminister Michael Vesper sieht das gelassener: An Interessenten herrsche kein Mangel. Sogar ein Berliner Intendant soll angeläutet haben.

Bis 13.Oktober. Infos: www.ruhrtriennale.de oder Telefon: 0201-887 2024.

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