Kultur : Klinischer Rationalismus

FALK JAEGER

Neues Bauen in Berlin: Beiderseits des Brandenburger Tors - die Häuser Liebermann und Sommer von Josef Paul KleihuesVON FALK JAEGERHätte hier nicht Max Liebermann residiert - der gefeierte Maler und Akademiepräsident, der 1933 als Jude verfemte und standhaft gebliebene, schon 1935 verstorbene, also mit einer heutzutage sehr attraktiven Biographie ausgestattete -, niemand außer der notorischen "Gesellschaft historisches Berlin" wäre wohl auf die Idee gekommen, das im Krieg zerstörte und von der DDR gänzlich getilgte Bauwerk unmittelbar nördlich des Brandenburger Tores wiedererstehen zu lassen.Doch den Architekten Josef Paul Kleihues reizte die Aufgabe auch aus anderen Gründen, als er bald nach der Wende mit den Grundeignern in Kontakt trat, um seine Vorschläge zu machen.Das Haus Liebermann und sein nahezu spiegelgleiches Pendant, das Haus Sommer südlich des Brandenburger Tors, waren zwei noble Gebäude von feinem Klassizismus, mit denen der Schinkel-Nachfolger Friedrich August Stüler dem Pariser Platz nach Westen eine Fassung gab und das klassizistische Tor flankierte.Seitdem hatten die dreigeschossigen Bauten eine wichtige Mittlerfunktion zwischen dem bescheiden gebliebenen Brandenburger Tor von 1791 und dem im 19.Jahrhundert auf vier bis fünf Geschosse aufgeblasenen Baubestand des übrigen Platzes. Diese Größenverhältnisse mußten beibehalten werden, das schien nur vernünftig, und so rekonstruierte Kleihues die Volumina der beiden Stüler-Bauten so exakt wie möglich.Lediglich zum Tor hin konnte er nicht mehr an die Wachhäuser anbauen, sondern mußte die Blöcke verkürzen, da dort zu DDR-Zeiten inzwischen Säulenreihen errichtet worden waren.Doch Kleihues ging weiter.Er, der Architekt des "poetischen Rationalismus", dem die Architektur der Aufklärung näher am Herzen liegt als jede andere architektonische Ideenwelt, entschied sich für den Versuch, Stüler noch zu übertreffen und den Klassizismus zu idealisieren, zu abstrahieren, in klinischer Reinform zu erproben. Gab sich Stüler noch mit Kompromissen zufrieden, mit Maßungenauigkeiten, Winkelabweichungen - er konnte keine Neubauten errichten, sondern veränderte und erweiterte bestehende Gebäude -, so entwickelte Kleihues ein strenges Entwurfsraster mit einer auf dem Grundmodul von 15 Zentimetern aufbauenden Maßordnung.Diesem Raster sind beide Häuser in all ihren Grund- und Aufrißmaßen unterworfen.Ihm gehorchen die Fenster- und Türöffnungen ebenso wie die Quadermaße und selbst die Radien der horizontalen Kanneluren der Erdgeschoßfassaden; wobei eine Art Rustikaeffekt entsteht. So kommt es auch zu der eigentümlichen "Randleiste" an der Gebäudeecke; sie entspricht der äußeren Fassadenschicht und hat selbstredend eine Stärke von 15 Zentimetern.Die von der "reinen Lehre" her durchaus legitimierbare "Randleiste" verleiht dem Baukörper jedoch einen gewissen unarchitektonischen "Kistencharakter", womit die Problematik der Gebäudeerscheinung angesprochen ist.Erzeugt der bleiche Naturstein, den der Architekt bewußt wählte, den gewünschten abstrahierenden Effekt, oder wirkt er eben nur wie profilierter Stuck? Gelingt es dem flachen Relief mit den auf Kragleisten reduzierten Fensterverdachungen und dem 15-Zentimeter-Risalitvorsprung, die Bauten hinreichend zu gliedern? Wird die Drillingsfenstergruppe im Obergeschoß als Reminiszenz an die Stüler-Bauten verständlich? Werden die Gebäude überhaupt als das verstanden, was sie sind - sophistische Exerzitien klassizistischer Proportionslehren; oder werden sie vom unbefangenen Betrachter nicht viel eher als historistisch-anpäßlerische, seichte Nostalgiearchitektur verstanden und mit dem Hotel Adlon gegenüber in einem Atemzug genannt? Die historisierende Geländer-Attika auf dem Haus Liebermann könnte für diese Interpretation den Ausschlag geben, sie sollte schleunigst entfernt und durch eine schlichte Mauerattika ersetzt werden, wie sie bereits das Haus Sommer krönt (Nostalgiker verlangen genau die umgekehrte Veränderung!). Die Hülle macht neugierig auf das Innere, und hier wird nicht enttäuscht, wer das südliche Zwillingshaus betritt.Das Haus Sommer wird wohl seines Namens verlustig gehen, denn die Commerzbank, deren Tochter "Rheinhyp" als Bauherr aufgetreten war, wird das Patrozinium übernehmen.Ein Empfangsraum in der Breite des ganzen Hauses mit Blick auf das Gartenparterre vor dem Haus und den Tiergarten nimmt den Großteil der Erdgeschoßfläche ein.Weitere Sitzungs- und Festräume stehen der Repräsentanz der Bank im piano nobile zur Verfügung, dazu Büroraum in den Obergeschossen.Weniger durch klassizistisches Formenrepertoire als vielmehr durch geschickte Material- und Farbwahl gelang es dem Architekten, in den Repräsentationsräumen eine vornehme, doch nicht zu fürstliche Atmosphäre zu erzeugen - wohl präzise das, was dem Hausherrn zukommt. Andere Vorstellungen hat der Bauherr des nördlichen Hauses Liebermann, die Quandt-Gruppe.Die Pläne für eine zweigeschossige Ausstellungshalle sind im Augenblick auf Eis gelegt; die innere Ausgestaltung des im Rohbau steckengebliebenen Ausbaus hat man Kleihues aus den Händen genommen, da seine preußisch-karge Formensprache nicht repräsentativ und historistisch genug erschien.So müßte man für den endgültigen Ausbau das Schlimmste befürchten, wenn dieses nicht schon im Adlon vorzufinden wäre ... Bleibt die Frage: Darf man das? Sind die Torbauten von Kleihues Torheiten - oder ein ernst zu nehmender Beitrag zur zeitgenössischen Baukultur? Architekturfreunde, die den Klassizismen von Palladio bis Schinkel mit Sympathie begegnen, müßten dies eigentlich auch den aktuellen Versuchen eines Oswald Mathias Ungers oder eines Josef Paul Kleihues gegenüber tun.Nicht nur, wenn es sich bei dem artifiziellen Objekt um eine privatistische Villa handelt, sondern vielleicht auch, wenn es um Stadthäuser geht - und wenn nicht am Pariser Platz in Berlin, wo sonst?

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