Kultur : Klinker, Stahl und Oberlicht

JÜRGEN TIETZ

Steffen Lehmanns erster architektonischer Auftritt in Berlin, die Berliner Volksbank am Potsdamer Platz - als Partner von Arata Isozaki -, war ein Paukenschlag.Das zweite Großprojekt, das Lehmann jetzt in Berlin verwirklicht hat, ist das "Quartier an der Museumsinsel".Es setzt sich aus fünf Bauteilen zusammen, darunter ein Altbau sowie ein Wohngebäude, dessen Ausführung nicht in Lehmanns Händen lag.Es galt, mit dem "Quartier an der Museumsinsel""den vernachlässigten Stadtraum südlich der Bahntrasse am S-Bahnhof Hackescher Markt neu zu definieren - eine Herausforderung, denn die architektonischen Bezugspunkte des Quartiers könnten gegensätzlicher nicht sein.Jenseits der Spree liegt die Museumsinsel mit dem alles dominierenden Dom.Direkt vor der Haustür schließt sich der Monbijou-Park an, der von der Bahntrasse begrenzt wird.Zum Alexanderplatz hin fasert der Stadtraum in solitären Hochhausbauten der DDR-Zeit aus.

Lehmann faßt diese unterschiedlichen Stadtbereiche nicht durch eine einzige Megastruktur mit durchgängiger Fassadengestaltung zusammen.Statt dessen formuliert er einzelne Bauteile, die sich durch die differenzierte Verwendung der Materialien und die Gebäudeformen klar voneinander unterscheiden.Daß das Quartier trotzdem den Charakter eines geschlossenen Ensembles gewinnt, liegt an der leitmotivischen Materialverwendung.Der blaurote Klinker, mit dem Lehmann an die Berliner Backsteintradition anknüpft, finden sich sowohl bei dem expressiven Turmbau unmittelbar am S-Bahnhof als auch an der neuen Zentrale des "Bundesverbandes deutscher Banken"(BdB) an der Burgstraße, die nun als erster Bauabschnitt fertiggestellt wird.Die bewegte Farbigkeit des Klinkers wird nicht als sentimentale Reminiszenz verstanden.Durch die Einfassung einzelner Klinkerfelder in Stahlprofile erhält sie ein strenges technisches Korrektiv.Zwischen den mit Klinker verkleideten Bauteilen erstreckt sich ein gläserner Verbindungstrakt.Auch hier zeigt sich Lehmanns Vorliebe für Details, die er aus der Welt der Technik entleiht: Die blauen Brüstungselemente aus Glas ziert ein filigranes Streifenmuster, das an einen Strichcode erinnert und die Vorhangfassade belebt.Durch die Glasfront des Erdgeschosses können die Passanten zukünftig bis in die mit kleinteiligen Kompartimenten gestaltete Landschaft des Hofgartens schauen.Am konsequentesten hat Lehmann die Synthese aus traditionellem Klinker und gläserner Modernität an der Hoffassade des BdB verwirklicht.Wie ein großer Bildschirm schiebt sich die auf Betonstützen ruhende gläserne Fassade aus dem rahmenden Ziegelbau heraus.An der Ecke schließt sich ein gläsernes Treppenhaus an, dessen Transparenz an manche Fünfziger-Jahre-Bauten erinnert.Nicht ganz so konsequent zeigt sich dagegen die Fassade an der Burgstraße.In ihrer Gliederung war Lehmann bemüht, durch eine mit Naturstein verkleidete Sockelzone in den ersten beiden Geschossen und mit vertikalen Lisenen in unregelmäßigen Abständen einen optischen Anschluß an die benachbarten Altbauten zu schaffen, deren Fassaden durch vorspringende Erker gegliedert werden.

Im Inneren des Bürogebäudes des BdB ziehen die Sichtbeton-Ellipse des Versorgungsschachtes mit den Fahrstühlen sowie der Konferenzsaal die Aufmerksamkeit auf sich.Sechs Oberlichter ermöglichen eine weitgehend natürliche Beleuchtung des mit hellem Ahornholz ausgekleideten Saales für knapp 200 Zuhörer.Durchbrochen wird das vertikale Raster der hölzernen Lamellen lediglich durch die voll verglasten Dolmetscherkabinen und den aluminiumfarbenen Trichter des Regiepultes, die auch im Konferenzsaal einen technisch wirkenden Kontrast schaffen.Zur Straße An der Spandauer Brücke bildet der klinkerverkleidete dreieckige Turmbau mit seinen konvex geschwungenen Seiten und der gläsernen Staffelhaube in der bisher unübersichtlich wirkenden Umgebung eine charakteristische Landmarke.Gefühlvoll begrenzt er den herrlichen Baumbestand des alten Pfarrgartens der nach Kriegsbeschädigungen 1960 abgeräumten Berliner Garnisonskirche.Schade nur, daß der angrenzende Wohnneubau, dessen Ausführung nicht in Lehmanns Händen lag, die strengen Gestaltungsvorgaben der anderen Bauteile nicht aufnimmt, sondern qualitativ abfällt.

Voraussichtlich im Sommer 1999 werden das gläserne Brückenhaus und der neungeschossige Turm der "Bayerischen Versorgungskammer""übergeben.Für das Grundstück gegenüber dem Turm, auf dem sich jetzt noch die Baucontainer stapeln, hat Steffen Lehmann ein weiteres Hochhausprojekt entwickelt, dessen Höhe zwischen dem etwa 40 Meter hohen Turmbau des "Quartiers an der Museumsinsel" und einem DDR-Hochhaus vermitteln soll.Tatsächlich wäre es wünschenswert, sich hier anstelle der in Berlin bevorzugten Verdichtung durch Blockrandschließung zum Bau von Punkthochhäusern durchzuringen.Der Verlust des historischen Stadtgrundrisses an dieser Stelle bietet die Chance, im Sinn der Nachkriegsmoderne weiterzudenken und durch punktuelle Verdichtung und konsequente Durchgrünung für den Bereich eine neue städtische Qualität zu entwickeln.

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