Kultur : Klios Kilos

Christine Wahl

Da sage noch einer, die Bühnenkunst sei nicht auf der Höhe der Zeit. Der Aktionsplan „Fit statt fett“, mit dem die Bundesregierung dem Speckgürtel des Souveräns zu Leibe rücken will, ist noch nicht zu Ende gedacht – und schon reagiert das Theater in Musterschülermanier mit aufklärerischen Maßnahmen: „Man ist, was man isst“, belehrt uns die engagierte Truppe mit dem schönen Namen Zuckerhut-Theaterprodukt in der Friedrichshainer Theaterkapelle (Boxhagener Str. 99, 30./31.5., 20 Uhr) und verspricht, vom Supermarkt-Einkäufer über den Schnellimbiss-Sündiger bis zum Bioladen- Frömmler jede Gruppierung auf den Prüfstand zu stellen. Schon der Kontrollblick ins Einkaufskörbchen, behaupten die Performer, offenbare lückenlos, ob der Konsument „langweilig wie Tiefkühlkost oder scharf wie Chili“ sei.

Bis zum Aufführungstermin kann man sich in Ruhe überlegen, ob man das von allen Einkäufern so genau wissen will, oder aber wenige U-Bahn-Stationen weiter vorbereitend noch ein anderes ernährungswissenschaftliches Theaterseminar besuchen. Und zwar „Hamlet. Zum Kotzen“ im Schizzo-Tempel (Rigaer Str. 77,25.5., 20 Uhr) Hier wird man umfassend über die Risiken einer Lebensmittelvergiftung bei Shakespeare-Darstellern – insbesondere im Zusammenhang mit schlecht gelaunten Kritikern – aufgeklärt und kann sich einmal mehr von der alten Theaterweisheit überzeugen, dass die größten Dramen hinter der Bühne stattfinden.

Dass die „Fit statt fett“-Kampagne allerdings nicht unser einziges Problem ist, daran erinnert uns das Ballhaus Ost (Pappelallee 15) mit seinem Abend „Don’t fuck with the Superchicks“ (18./20.5., 20 Uhr). Hier haben drei Damen namens Schwarzpfötchen, Rotkäppchen und Goldlöckchen messerscharf erkannt, dass sie nach wie vor einem unterdrückten Geschlecht angehören, und rüsten mit „Emanzipationsterrorismus“ zum Befreiungsschlag. Auf der Kampfstrecke zur „neuen, entzückenden, starken, modernen Vorzeigefrau des 21. Jahrhunderts“ kann man nebenbei sicher auch noch ein paar Kilo verlieren.

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