Kultur : Klirrend kalte Pastelltöne

Hans Purrmann im Berliner Kunstforum

Jens Hinrichsen

Er war der bedeutendste deutsche „Franzose“ seiner Generation. Dennoch ist das malerische Werk von Hans Purrmann (1880–1966) in Vergessenheit geraten. Vielleicht liegt es daran, dass der Künstler vom Farbfieber seines Vorbilds Henri Matisse derart infiziert war, dass ihn alle folgenden Avantgarden kaltließen: Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Nachkriegs-Abstraktion. Und doch sprechen Purrmanns gegenständliche, in ihrer Koloristik berauschenden Bilder für sich. Nach Stationen in Tübingen, Saarbrücken und Cismar ist die ihn rehabilitierende Schau „Zauber südlichen Lichts“ nach Berlin gelangt: mit viel Platz im Rund des Volksbank-Forums und besser gegliedert als zuvor.

Purrmann war Berliner, zumindest phasenweise. Nach Studienjahren in Karlsruhe und München ging der gebürtige Speyrer 1904 für nur ein Jahr an die Spree. Hier fand er sich „den Strahlungen eines anregenden Geisteslebens“ ausgesetzt, zu denen Maler wie Liebermann, Corinth und Slevogt gehörten. Stilistische Anklänge an das Dreigestirn sind in Purrmanns Frühwerk unübersehbar. Die Berliner Nationalgalerie steuert zum Vergleich wichtige Gemälde von Lovis Corinth & Co. bei.

In Paris, im legendären Künstlertreff Café du Dôme, begegnete er Henri Matisse: Ihre Freundschaft leuchtet in zwei Südfrankreichlandschaften in der Ausstellung auf. Gerade die Cassis-Ansichten von 1909/10 bezeugen, dass Purrmann Matisses bedeutendster deutscher Schüler war. Ans Meer fuhren sie gemeinsam, hier trug auch Purrmann die strahlenden Hellgrün- und Orangetöne konturlos auf und ließ die Schatten weg.

Der Erste Weltkrieg verdüsterte die Lage. Purrmann zog für knapp zwei Jahrzehnte nach Berlin. Auf einem Ölgemälde von 1928 fällt der Blick aus dem Inneren seines Ateliers aufs Lützowufer: Dezember, in klirrend kalten Pastelltönen gemalt, mit großbogigen Pinselschwüngen von der Energie des 48-Jährigen durchpulst. Es verwundert nicht, dass Purrmann 1935 von den Nazis als „entartet“ diffamiert wurde. Max Liebermann, den ebenfalls geächteten Akademiepräsidenten, trug er noch mit zu Grabe. Dann setzte er sich nach Florenz ab und sorgte dafür, dass die Villa Romana zum Zufluchtsort für verfemte Künstler wurde. Zwei Gemälde zeigen diesen Palazzo 1938. In der Pinselschrift schwingen Erregung, Unruhe, vielleicht Qual mit. Ins Nachkriegsdeutschland kehrte er nur als Besucher zurück, bis zuletzt malte und lebte er im Tessin.

„Er wölbt die Schulter, baut den Schädel rund / Ins Übergroße, gibt dem vollen Mund / Ein tief Karmin“ – schrieb Hermann Hesse 1952 über den sich selbst porträtierenden Malerfreund. Aus den späten Selbstbildnissen, beide 1961 gemalt, blicken traurige, im Blau schwimmende Augen.

Kunstforum der Berliner Volksbank, Budapester Straße 35, bis 29. April, Mo–So 10–18 Uhr, Katalog 14,90 Euro

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