Kultur : Klone aus dem Spielzeugland

Nadine Lange

Der neue US-Hit des Animationsfilms stellt den verbesserten Menschen vorNadine Lange

Al ist eine häßlicher Kerl: Klein und viel zu dick, hinterlistig und geldgierig. Doch dieser unsympathische Typ bringt nicht nur Ärger in die Spielzeugwelt von "Toy Story 2", sondern zeigt vor allem, was die Animationstechnik inzwischen leisten kann. So gesehen, ist Al ein gut geratener Bursche: Seine Mimik und Bewegungen wirken relativ realistisch. Verblüffend echt sehen vor allem Haare und Hände aus. Der Spielzeugsammler klaut die Cowboy-Puppe Woody, die in den fünfziger Jahren ein Fernsehstar war. Zusammen mit einer Cowgirl- und einer Goldsucher-Puppe will der Bösewicht sie an ein japanisches Museum verkaufen. Doch Woodys Freunde starten eine Rettungsaktion. Angeführt von der Astronauten-Puppe Buzz Lightyear, machen sich das Sparschwein, der Spiralhund, der Dinosaurier und die Kartoffel auf den Weg.

Das Abenteuer der Spielzeuge ist voll von großartigen Ideen und witzigen Anspielungen: Mal bietet sich den Freunden eine Barbie als Tourguide an, dann werden sie von einem Darth-Vader-Verschnitt bedroht, und schließlich steuern alle ein Auto. Elegant zudem die Bezüge zum ersten Teil - etwa wenn Buzz versucht, einen anderen Buzz von seinem Raumfahrer-Wahn zu befreien oder Woody sich erinnert, wie es ist, wenn ein Kind ein neues Spielzeug bevorzugt.

Weil die zweite "Toy Story" derart liebenswert und kurzweilig daher kommt, könnte man fast vergessen, was sie vor allem bedeutet: eine eindrucksvolle Machtdemonstration des Animationsspielfilms. Dieses Genre, das ohne Kameras und Schauspieler auskommt, hatte der ehemalige Disney-Zeichner John Lasseter vor fünf Jahren mit dem ersten Teil der Puppensaga begründet. Die menschlichen Figuren waren darin ein Schwachpunkt: Sie bewegten sich merkwürdig federnd, fast schwebend. Jetzt hat Lasseter mit Al einen verbesserten Menschen geschaffen, der antritt, die Realfilm-Welt zu erobern. Denn dahin gehen die Ambitionen der Computertüftler im "Toy Story"-Studio Pixar und den vielen anderen Software-Schmieden Hollywoods - sie wollen eigene Schauspieler programmieren.

Als Statisten gibt es sie schon: Menschenmassen werden digital geklont, auch in totalen Einstellungen sind errechnete Gestalten zu sehen. Freilich können ihre Gesichtszüge und Bewegungen derzeit noch nicht eben so dargestellt werden, dass es für eine Hauptrolle reichen würde. Das menschliche Muskelspiel frisst zu viel Rechenleistung. Doch die Chips werden immer schneller und die digitalen Doppelgänger immer besser. Am Massachusetts Institute of Technology basteln die Forscher sogar schon an selbstständigen Figuren. Zum Beispiel gibt der Regisseur ein, dass der digitale Schauspieler über einen Wochenmarkt schlendern soll. Daraufhin findet das Wesen aus Bits und Bytes von selbst seinen Weg. Es muss nicht mehr jeder Schritt einzeln animiert werden, sondern die Figur läuft von alleine. Und "hört" auch auf Regieanweisungen.

Doch bis echte Schauspieler durch Digital-Akteure ersetzt werden, dauert es noch. Das zeigt auch "Toy Story 2": Der fiese Al trägt Brille und Vollbart, wodurch die Animation der Mimik vereinfacht wurde. Außerdem bewegt sich der Spielzeugsammler kaum zu Fuß, selbst die 20 Meter zu seinem Geschäft fährt er mit dem Auto. Bewusst hat Lasseter deshalb Puppen in den Mittelpunkt der Handlung gestellt, denn ihre Körper sind leichter zu programmieren. Das gilt auch für Insekten, die schon in "Antz" (von der Pixar-Konkurrenz Pacific Data Images) und "Das große Krabbeln" die Stars waren. In solchen kleinen Welten ist der Animationsfilm stark. Der klassische Zeichentrickfilm wirkt dagegen wie antiquiertes Kunsthandwerk. Irgendwann allerdings wird auch Al nur noch irgendjemandes belächtelter Urahn sein.In 31 Berliner Kinos; OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und in der Kurbel

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