Kultur : Klonen kann sich lohnen

Das gibt Ärger: Wladimir Sorokin hat ein Libretto für das Moskauer Bolschoi-Theater geschrieben

Boris Ignatov

Es ist 25 Jahre her, dass vom Moskauer Bolschoi-Theater zuletzt eine Uraufführung in Auftrag gegeben wurde. Als vor drei Jahren eine zweite, kleine Bühne für das berühmte Opernhaus errichtet wurde, entschloss sich die Direktion, ein Werk bei dem Komponisten Leonid Desyatanikov zu bestellen. Das Libretto sollte Wladimir Sorokin schreiben – ausgerechnet jener Schriftsteller, gegen den die Jugendorganisation „Gemeinsam gehen“, die unter dem Patronat der Partei „Das einheitliche Russland“ steht, seit Jahren einen erbitterten Kampf führen: Diese „ordnungsliebenden“ jungen Leute hassen Sorokin, weil er obszöne Worte verwendet und natürliche Körperfunktionen naturalistisch beschreibt. In TV-Shows wird er als „Kotfresser und Pornograph“ beschimpft, besonders aktive Mitglieder der Bewegung haben seine Bücher vor dem Kultusministerium verbrannt. Die Verteidiger des Schriftstellers suchten Streit – und Sorokin wurde in der Polemik zum „neuen Tolstoj“.

Im Vorfeld der Bolschoi-Uraufführung informierte eine populäre wöchentliche Fernsehsendung hartnäckig das Land darüber, wie die Direktion des Bolschoi durch eine Zusammenarbeit mit Sorokin die Traditionen des Hauses zerstörte und die ganze russische Kultur verspotte. Die Duma-Abgeordneten besuchten daraufhin sogar während ihrer Arbeitszeit die Generalprobe der Oper. Pornographie bekamen sie nicht zu sehen – doch sie mussten beobachten, wie Gelder der Steuerzahler für eine „Teufelei“ ausgegeben werden! Eine bessere Werbung hätte sich das Bolschoi nicht wünschen können: Bei der Premiere war der Saal bis auf den allerletzten Platz gefüllt.

„Rosentals Kinder“ heißt das corpus delicti. Gemeint sind damit Mozart, Mussorgski, Tschaikowsky, Verdi und Wagner, die in den Dreißigerjahren von einem deutschen Wissenschaftler namens Rosental in der UdSSR geklont wurden. Nach dessen Tod und dem Zerfall der UdSSR, müssen sie als Penner auf Moskaus Straßen Lieder singen und betteln.

Desyatnikov, einer der erfolgreichsten russischen Komponisten, zitiert und imitiert, oft sehr treffend, die Musiksprache seiner Helden. Besonders gut sind die süßen melodischen Wellen in der Tschaikowsky-Episode, die bei der Begegnung des Meisters mit seiner Amme geschickt „Eugen Onegin“ parodieren. Mozart dagegen, der bei Sorokin in eine Bahnhofshure verliebt ist, bleibt als Figur flach. Die Szenen des gefühlskalten Rosental instrumentiert Desyatnikov minimalistisch à la Glass oder Nyman, das erste Finale paraphrasiert den Streisand -Song „Nothing more than feelings“. Letztlich aber zeigt sich Desyatnikov nicht in der Lage, die Eindimensionalität des Textbuches zu überwinden: Die Texte von Sorokin bleiben weitgehend plakativ, die Komponisten zeigen ihre geniale Begabungen nicht, bleiben Alltagsfiguren.

Chefdirigent Alexander Wedernikow leistet solide Arbeit, aus dem Ensemble sticht keine Stimme heraus. Regisseur Eimuntas Nekrosius versucht dagegen, der platten Unterhaltsamkeit des Werkes einen düsteren Kontrapunkt entgegenzusetzen: Gruselige Menschen- Würmer, schlangenartige Konturen der Innenräume erscheinen als Zeichen einer anderen Realität. Doch Nekrosius gleitet auch in den Kitsch ab, wenn beispielsweise während Mozarts Hochzeit alle übrigen Komponisten an Wodka-Vergiftung sterben. Das Opernfinale schließlich ist stumm und hilflos: Mozart und ein geklonter Knabe reichen sich eine Flöte – als „Symbol der Kunst“!

Der Skandal bleibt also, eine anonyme Bombendrohung kann die Uraufführung ebenso wenig stoppen wie die bestellten Buh-Rufer. „Rosentals Kinder“ werden von den liberalen Opernbesuchern mit Bravos adoptiert.

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