Kultur : Kluges Theatertier

Vera Tenschert erinnert an Ekkehard Schall

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Wenn er auf die Bühne kam, forderte er alle Aufmerksamkeit für sich. Ekkehard Schall konnte sich die Bühne untertan machen mit einem alles niederreißenden Furor. Besonders in einer frühen Phase seiner schauspielerischen Arbeit kannte er da keine Rücksicht. Er zeigte die Arbeit, die Anstrengung, die er sich machte, warf sie dem Zuschauer vor die Füße, kämpfte gegen Einfühlung, gegen jedes voreilige Einverständnis mit Figuren und Vorgängen. Schall rackerte sich ab, durchbrach den Fluss, den Rhythmus geformter Sprache, hielt inne im Denkprozess, lieferte die kritische Analyse des Dargestellten mit. Er bewahrte sich Überlegenheit, Freiheit gegenüber den Texten. Brechts Arturo Ui, den Schall seit 1959 mehr als fünfhundertmal am Berliner Ensemble spielte, war der in Deckung bleibende Kleinbürger, der sich zu hohler Bedeutsamkeit aufblasen lässt.

„Ekkehard Schall brachte spielerisch zum Ausdruck, was sich in ihm tat“, schreibt Hilmar Thate in einem Beitrag für Vera Tenscherts Fotoband „Von großer Art“, der dem 2005 verstorbenen Schauspielers gewidmet ist. Schall wäre am heutigen 29. Mai 80 Jahre alt geworden. Thate, mit Schall viele Jahre durch die gemeinsame Arbeit an Brechts Shakespeare-Bearbeitung „Coriolan“ (Premiere 1964) verbunden, preist Fleiß und Unnachgiebigkeit des Schauspielers, einen unstillbaren Ehrgeiz, Gewohnheiten zu durchbrechen. Das machte Schall schwierig, auf eine besondere, eben eine „große Art“, wie Brecht über seinen Johannes Hörder in Bechers „Winterschlacht“ schrieb. Und Schall hatte das Recht, so schwierig zu sein. Kompromisse machte er nicht – „er hat etwas vom Coriolan“, notierte Volker Braun 1980 in seinem Tagebuch.

Schall verschmolz dreckig-schmalzigen Charme mit Bösartigkeit und lauernder Aggressivität. Auf die Bühne kam ein Verführer – alltagstauglich, hinterhältig, mit sicherer, genial eingesetzter Wirkungskraft und gummiartiger Beweglichkeit. In Christoph Heins „Bruch“ spielte er einen Wissenschaftler, der im Alter noch einmal Genialität, Schwung und Herrschsucht zu mobilisieren versucht. Und dann, nach schwerer Krankheit 2003, den Physiker Niels Bohr in „Kopenhagen“ von Michael Frayn.

Stand da ein anderer Schauspieler auf der Bühne, ein Weiser, Abgeklärter, ruhig, besonnen, tief nachdenklich? Schalls Figuren gingen immer aus geistiger Anstrengung und körperlicher Vitalität zugleich hervor, jetzt erhielt diese Bündelung von Energien eine berührende Schlichtheit und Überlegenheit. Schall spielte das Wissen um die Gefährdung, die Endlichkeit des Lebens mit. Er brachte Denker auf die Bühne, die mit sich selbst im Streit liegen und den letzten Dingen gefasst ins Auge sehen. Autobiografische Bezüge waren da unübersehbar. Von Zuschauern und Partnern hat Schall in gutem Streit viel gefordert, ihnen aber auch viel gegeben.

Er gestaltete seine letzten Rollen, als die Bindung ans Berliner Ensemble brüchig geworden war, am kleinen theater 89. Die etablierten Berliner Bühnen gaben sich Ende der 90er Jahre keine Mühe, den Weg zu ihm zu finden. Die Fülle von Rollen aufzuzählen, die der von Brecht entdeckte, mit Brechts Tochter Barbara verheiratete Schauspieler in Jahrzehnten gespielt hat, mag den Lexika vorbehalten bleiben. Doch in Vera Tenscherts Theaterfotografie wird er nun wieder lebendig. „Er fehlt mir“, schreibt Tochter Johanna Schall in Tenscherts Buch, „wenn ich wen zum Streiten brauche. Gut streiten können ist ein wahres Talent in dieser Gegend. Es bedarf dazu echter Leidenschaft, Intelligenz und Humor.“

Vera Tenschert, „Ekkehard Schall: Von großer Art“, Verlag Das Neue Berlin, 192 Seiten, 24,95 Euro.

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