Kultur : Knall und Fall - danke sehr

CHRISTOPH FUNKE

In einem Brief über sein am 19.November 1887 in Moskau uraufgeführtes Theaterstück "Iwanow" analysiert Anton Tschechow eine bestimmte Form von Reizbarkeit, die dem russischen Menschen eigen sei: "Verzweiflung, Apathie, nervliche Schlaffheit und Erschöpfung sind die unvermeidbare Folge einer außergewöhnlichen Reizbarkeit, und solche Reizbarkeit ist unserer Jugend in höchstem Maße eigen." Jürgen Bonk, der das Werk im Berliner Theater "Fürst Oblomov" (verbunden mit Theater & Schule e.V.) inszenierte, reißt diese Reizbarkeit ins Laute, Polternde hoch.Er spielt "eine Komödie mit dramatischem Ausgang", macht aus den sehr unterschiedlichen Fassungen und Bearbeitungen des Stücks eine seltsam boulevardeske Mixtur.Es mag den Regisseur und Theaterleiter gereizt haben, diesen frühen Tschechow laut und knallig auf die Bühne zu bringen, auf psychologische Tüfteleien zu verzichten, und dafür unbedenklich den Spaß über grelle Torheiten herauszufordern.

Eine Reihe verrückter Kerle und überdrehter Weiber steht auf der Bühne.Es gibt den brüllenden Frohsinn des zähnebleckenden Verwalters, den mit Pfeife und Spazierstock fuhrwerkenden, krummgezogenen, unaufhörlich stolpernden, buckelnden und tänzelnden Grafen, das widerwärtige Schachern spielsüchtiger Frauen in einer lichtzuckenden und gleichsam wodkagetränkten Spielothek."Saal im Hause Lebedjew" steht als Handlungsort bei Tschechow, und diesem Haus Lebedjew mißt Jürgen Bonk unbarmherzig "Vaudevillecharakter" an.Der erste Akt spielt dafür an einem Teich (oder Sumpf), alle Auftretenden balancieren über Stege, umturnen und berennen sich auf engstem Raum, laut und aufdringlich.Die Tollerei ist Herausforderung: In den Szenen taumelnder Trunkenheit mit umgestürzten Tischen und herausgerissenen Schubladen, in der Vorführung dummen Spielrausches, bei den rasenden Ausbrüchen ins Alberne kippender Bosheit und beim wüsten Ende: Iwanow erschießt sich auf einem Tisch, zuckt sich dort zu Tode.Die reiche Brautmutter, nun des ungeliebten, verschuldeten Schwiegersohns beraubt, sagt "Danke".Klar, daß dieser Gag Tschechow nicht eingefallen ist.

Und doch gibt es, glücklicherweise, Momente der Ruhe, der Besinnlichkeit.Iwanow, gespielt von Rainer Killius, nimmt der Regisseur aus allen Verstiegenheiten, aus dem Lärm, der Aufdringlichkeit, der Dummheit heraus.Die Tragödie des Fünfunddreißigjährigen, der sich selbst nicht mehr versteht, an Leben und Liebe verzweifelt und zwei junge Frauen mit ins Unglück reißt, behält eine feste Kontur.Allerdings bleibt Killius bis zur Selbstverleugnung zurückhaltend, gehemmt, bewegungsarm, sein Verzweiflungsmonolog - beim Kofferpacken - wird über Band eingespielt.Vielleicht soll gezeigt werden, wie mühsam, wie aussichtslos es ist, in einer außer Rand und Band geratenen gesellschaftlichen Umwelt so etwas wie Würde zu bewahren.Die stille, sanfte Anna Petrowna der Christa Unzner, die lebhafte, frische Sascha der Judith Seither und der verdüsterte, wie innerlich ausgelöschte Lebedjew des Peer Fischer gehören noch zu den Figuren, denen Jürgen Bonk mit Ernsthaftigkeit begegnet, die er zum Gegenpol der ungehemmten Wildheit in Gutshaus und Salon macht.Schon der Arzt Lwow aber, von Reinhold Hanek als ragender Bläßling gespielt, ist als leidenschaftlicher Ankläger Iwanows zu kraftlos, zu fade angelegt, und alle anderen Figuren kommen wie aus dem Panoptikum.

Die Aufführung will nichts weniger als Harmonie.Sie legt Tschechows immer wieder vorgebrachte flehentliche Bitte, seine dramatischen Texte komödisch zu spielen, großzügig, unbedenklich aus.Die Aufrichtigkeit des Stücks, seine ehrliche, rücksichtslose Suche nach den Forderungen des Lebens tritt in den Hintergrund.Jürgen Bonk, Bühnenbildnerin Christiane Droste (strenges Schwarzweiß, aber auch bewußt kitschige Arrangements im Spielcasino) und Kostümbildnerin Änne Stefanov (aufwendige, vornehme Fräcke und Anzüge für die Herren) sind auf Gegensätzlichkeiten aus, auf den Einbruch kreatürlich ungehemmter Brutalität und Häßlichkeit in die langweilige Bücherstille des Iwanow.Es wird eher höhnisches Gelächter herausgefordert als Nachdenklichkeit, aber Nachdenklichkeit mag auch gar nicht mehr gewollt sein.Sie ist, faßt man den widerspenstigen Abend zusammen, altmodisch.

Täglich bis 22.Juli, am 1., 2.und 14.August, jeweils 20 Uhr, Friedrichstr.95.

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