Kultur : Knapp bei Kasse, aber nicht käuflich

Mein Leben als Callboy: Norbert Kron hat einen Roman über eine prekäre Berliner Karriere geschrieben

Andreas Schäfer

Man könnte, wenn man sich mit dem Autor Norbert Kron zum Mittagessen trifft, natürlich als erstes über Fußball reden. Nicht nur weil in diesem Sommer viele über Fußball reden, sondern weil Norbert Kron auch in der Autorennationalmannschaft mitspielt, die vor kurzem erst 8:1 gegen die Kollegen aus Österreich gewonnen hat. Man könnte, noch begeistert von der Lektüre seines gerade erschienenen Romans „Der Begleiter“ (dtv, München 208, 272 S., 11,95 €) auch gleich ein Loblied auf das Buch anstimmen, das als erotischer Abenteuerroman beginnt und als existentielle Heldengeschichte endet: Toller Plot, elegant konstruiert, spannend geschrieben, plastische Figurenzeichnung – besonders die geheimnisvolle Lizz Vonhofen schimmert facettenreich. Und, ach ja, die Sexszenen sind auch ziemlich geglückt. Man könnte aber auch wissen wollen, wieso Krons erster, viel gelobter Roman „Autopilot“ bei Hanser, der „Der Begleiter“ aber bei dtv erschienen ist.

Alles interessant – und alles nur Ablenkung. Denn sofort steht eine ganz andere Frage im Raum, so präsent, dass sie erst mal weggeräumt werden muss. Es ist die ungeliebte Autobiografie-Frage: Ein in Berlin lebender freischaffender Kulturjournalist schreibt einen Roman über einen in Berlin lebenden freischaffenden Kulturjournalisten, der seine spärlichen Einkünfte aufbessert, indem er gelegentlich als Callboy arbeitet. So, so.

Kron wischt ein paar Brotkrumen von der Papiertischdecke und erzählt erst mal gut gelaunt davon, dass diese Frage für andere Kollegen gar keine Frage war. Sie gingen selbstverständlich davon aus, dass das Beschriebene auf Selbsterlebtem beruht. Eine Radiomoderatorin wollte zum Beispiel, dass er aus dem Nähkästchen plauderte, und die Reporterin einer großen Boulevard-Zeitung bat ihn um Tipps für angehende Callboys. Dann schweigt Kron sehr lang. „Auch wenn ich als Callboy gearbeitet hätte – unterliegt diese Tätigkeit natürlich der Schweigepflicht. Wie die von Priestern oder Ärzten.“ Das wäre also das.

Norbert Kron, 43, Fernsehjournalist, Essayist und freier Kritiker, hat mit „Der Begleiter“ ein ungewöhnliches Buch geschrieben – obwohl die Grundsituation nicht zeitgemäßer und Berlin-typischer sein könnte: Hauptfigur Alexander Felitsch ist 39 Jahre alt, und als er seinen Job als Berlin-Redakteur einer großen Zeitung verliert, ziemlich knapp bei Kasse. Er mietet sich in eine Büro-Gemeinschaften in Berlin-Mitte ein und hält sich mit Kunst-Artikeln über Wasser. Auch seine emotionale Situation ist, wie man heute sagt, prekär. Eine langjährige Beziehung ist in die Brüche gegangen, seit Monaten unterhält er eine Affäre zu einer gewissen Jeanne, zu deren Regeln es gehört, dass der eine nie beim anderen übernachtet.

Noch immer versuchen Wirtschaftszeitschriften und Trendjournalisten weiszumachen, dass so eine unsichere, aber irgendwie kreative Lebensform das Hippste überhaupt ist, weil in der Unsicherheit wahnsinnig viel utopisches Potenzial stecke. Wie elend sich so eine zur Kreativität verdammte Tausend-Euro-Existenz anfühlen kann, lernt man dagegen in der Literatur. Im letzten Jahr in dem gefeierten Roman „Teil der Lösung“ von Ulrich Peltzer, und jetzt bei Kron, der die Lage Alexanders und seiner Kollegen so beschreibt: „Sie dachten permanent darüber nach, was sie anstelle des Journalismus machen könnten. Und vor allem setzten sie darauf, dass sie irgendwann doch noch den großen Wurf schaffen würden, mit einem Drehbuch oder mit einer Geschäftsidee.“

Die Schattenseite der Freiheit zeigt sich nicht nur am erbärmlichen Kontostand, sondern auch in einer gedanklichen Rastlosigkeit, die leicht zu Realitätsverlust führen kann. Ständig muss man Projekte generieren, die nicht nur die Miete sichern, sondern auch noch Sinn stiften. Ehemalige Redakteursfreunde sind jetzt potenzielle Arbeitgeber, denen man bei einem zufälligen Treffen in einer Bar vorspielen muss, wie gut es einem als Freier geht, weil Loser keine Aufträge bekommen. Es ist großartig, wie Kron in den Gesellschafts- und Partyszenen zeigt, dass es unterhalb der zur Schau gestellten Coolness auch in Berlin Mitte vorwiegend um Geld und Status und die Angst geht, beides zu verlieren.

Die Idee zu dieser Geschichte ist aus der Not geboren. Obwohl Kron seit über 15 Jahren im Geschäft ist, bekam er – wie die meisten Freischaffenden – die Krise im Jahr 2002 trotzdem zu spüren. Plötzlich blieben die Aufträge weg. „Ich dachte: Was kann ich eigentlich? Ich kenne mich in Berlin gut aus. Da hatte ich die Idee, als kultureller Guide für solvente Besucher zu arbeiten.“ Er recherchierte, rief bei Escort-Agenturen an, übernahm auch einige Abend-Begleitungen – bis sich die journalistische Auftragslage wieder erholte. Immerhin wusste Kron jetzt, wovon sein nächster Roman handeln sollte.

Der Schritt von der kulturellen zur sexuellen Dienstleistung ist dramaturgisch unausweichlich. Alexander zögert trotzdem. Bei Kerzenschein über Oper reden und würdevoll aufstehen, wenn die Kundin „Felix, hol den Wagen sagt“ – kein Problem. Aber was, wenn die Dame in keiner Weise seinen ästhetischen Vorlieben entspricht? Eines Abends sitzt Felix also mit einer Chefstewardess in einer Bar, die trotz ihrer Verkniffenheit genau weiß, wie sie Felix gern hätte. Dominant und devot zugleich. Felix bricht erst mal der Schweiß aus.

Die sexuell explizite Szene gehört zu den größten Herausforderungen eines Autors. Hat sie zu wenig oder gar keinen Subtext, gerät sie pornografisch, wird zu viel Bedeutung hineingelegt, lauert der Kitsch. Kron findet nicht nur das richtige Verhältnis zwischen Drastik und Dezenz, wenn er Felix in der Folge auch mit einer lebenslustigen Geschäftsfrau und mit einer für ihn eher unattraktiven Dame mit dem Charme einer Spielothekenbesitzerin seinen neuen Job mal mehr und mal weniger erfolgreich verrichten lässt. In Felix’ Kopf dröhnt auch ständig die Existenzfrage: Was, um Himmels will, tue ich hier eigentlich? Selbstwertgefühl aufpumpen natürlich. Plötzlich läuft Alexander auch in seinem Alltagsleben mit Felix’ Blick durch die Gegend. Seine Ex-Freundin Marian, glaubt er, hat sich nur wegen des Geldes an ihren neuen Freund herangemacht – und die Arbeit als freier Journalist ist eh nix anderes als Prostitution.

In Wahrheit befindet sich unser Prekariarist auf dem Höhepunkt seiner Hochstapelei sich selbst gegenüber. Denn natürlich ist Alexander nicht so abgebrüht wie es Felix behauptet zu sein. Und das lernt er erzwungenermaßen von Lizz, die auf den ersten Blick „einer Modezeitschrift für die Upper-Class-Lady entsprungen“ zu sein scheint. Am Anfang bucht sie Felix als Begleiter, später taucht sie wieder auf und entwickelt sich immer mehr zu seiner Lehrerin im Fach „Richtig Lieben“. Denn das Schönste an diesem Roman ist, dass sich im Laufe der Handlung der Schwerpunkt von Außen nach Innen verschiebt, vom Sexuellen zum Spirituellen.

Literarische Figuren, sagte mal die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff, sind immer medial begabter als wirkliche Menschen. Vielleicht können sie auch leichter Dinge hinter sich lassen. Alexander will – nachdem er seiner Vielleicht-Freundin Jeanne schließlich sein Doppelleben offenbart hat – vom Begleitservice nichts mehr wissen. Anders als sein Autor Norbert Kron: „Ich plane, eine Agentur zu eröffnen, bei der man Kulturschaffende buchen kann. Als gesellschaftliche Begleiter. Ich glaube, da gibt es eine Marktlücke.“ Aber Alexander ist am Ende auch wieder festangestellt, während Kron nicht nur Schriftsteller, sondern noch immer auch freier Journalist ist.

Am heutigen Sonntag liest und kickt Norbert Kron ab 14.30 Uhr beim „Sommersalon auf dem Fußballplatz“ mit seinen Autoren-Nationalmannschaftskollegen Falko Hennig, Uli Hannemann und Wolfram Eilenberger. Moderation: Britta Gansebohm. Sportplatz Linienstraße/Kleine Hamburger Straße (Mitte).

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