Kultur : Knien, stehen, tanzen

Der Maler als Bildhauer: Ernst Ludwig Kirchner in der Stuttgarter Staatsgalerie

Ralf Christofori

Es ist eine kuriose Aufnahme, die man durchaus dem Fotografen August Sander zuschreiben könnte: Drei alte Frauen posieren vor einer Scheune, in schwarzem Sonntagsgewand, den Blick geradeaus und stramm auf die Kamera gerichtet. Tatsächlich stammt die Aufnahme von Ernst Ludwig Kirchner. Um 1925 entstanden, zeigt sie die drei Schwestern Margreth, Dorothe und Elsbeth Rüesch vor der Scheune des Wildbodenhauses – jener zurückgezogenen Wahlheimat also, wo der Künstler bis zu seinem Freitod lebte. Aus demselben Jahr stammt eine Zeichnung, welche die drei Schwestern als „Ahnfrauen“ betitelt, etwas später hat sie Kirchner in dem Gemälde „Die drei alten Frauen“ in beißenden Farben vor einer naiv gestaffelten Bergwelt festgehalten. Vor allem aber beeindrucken die „Ahnfrauen“ als bemalte Holzplastik: Gut sechzig Zentimeter hoch, bilden sie eine dichte Figurengruppe – schematisch und individuell, verschroben und lieblich zugleich.

Der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Aneignungen ein und desselben Motivs ist unübersehbar. Welche Kraft aber Kirchner besonders aus dem plastischen Schaffen schöpfte, das zeigt derzeit eine konzentrierte Schau in der Staatsgalerie Stuttgart. „Der Maler als Bildhauer“ heißt diese Ausstellung, und sie schenkt letzterem die ganze Aufmerksamkeit. Dabei wird zum einen deutlich, dass seine allzu oft übergangene plastische Arbeit dem Künstler weit mehr ist als nur bildhauerische Übung. Gleichzeitig räumt die Schau mit dem Missverständnis auf, Kirchner habe – insbesondere als Bildhauer – lediglich den Primitivismus in die Moderne geführt.

Angeregt durch den „Brücke“-Kollegen Erich Heckel, schafft Kirchner seine ersten Holzskulpturen in den Dresdner Jahren. 1910 entsteht die kleine Karyatide „Stehendes Mädchen“, später die „Tanzende“ (1911) und „Kniende“ (1912). Paare winden sich in der Umarmung oder allein, wie etwa in der frechen „Tänzerin Gerda“ (1912). „Diese Zusammenarbeit mit der Plastik wird mir immer wertvoller“, schreibt Kirchner 1914 nunmehr in Berlin, „sie erleichtert mir die Übersetzung der räumlichen Vorstellung in die Fläche.“ Aus Holzblöcken arbeitet Kirchner seine Skulpturen heraus, stellt sie auf und fotografiert sie in zahlreichen Atelieraufnahmen. Er fotografiert sie vor seinen Malereien und schafft so Konstellationen, aus denen er – so muss man vermuten – wiederum neue Bildideen entwickelt.

Nahezu bruchlos integriert der Künstler sein „Stehendes Mädchen“ in das gemalte Tischgespräch zwischen „Doris und Heckel“, in vielen Fällen arrangiert er seine Skulpturen zu Stillleben, die er wiederum in Malereien überführt. Die Plastik avanciert so zum Vorbild einer malerischen Bildfindung, wodurch der Bezug zum wirklichen Modell – oder umgekehrt: der Grad der Abstraktion – zusätzlich verschoben wird. Ja, insgeheim scheint das plastische Werk Ernst Ludwig Kirchners zu einem Bildverständnis zu führen, in dessen Zuge die expressive Wirklichkeit auch und gerade in seinen Zeichnungen, Holzschnitten und Malereien erst Gestalt annimmt.

Dies gilt einmal mehr für das Paar „Vor Sonnenaufgang“, das – auf dem Balkon des Wildbodenhauses – Haltung und Ausdruck jener beiden überlebensgroßen „Torwächter“ doppelt, die seit 1921 als „Adam“ und „Eva“ den Eingang von Kirchners Davoser Domizil bewachten. Heute befinden sich diese beiden zentralen Werke im Besitz der Staatsgalerie Stuttgart, und sie sind der Ausstellung neben den „Ahnfrauen“ großartige Fixpunkte. Es sind Fixpunkte eines Lebenswerkes, in dessen Verlauf Werk und Leben zunehmend auch in Gebrauchsgegenständen zusammenfinden. In der Abgeschiedenheit seines Schweizer Refugiums schreibt der Künstler seine Formsprache nicht nur Sitzmöbeln und Buchständern ein, sondern auch einem Bett und einer Kaffeemühle. Die Ausstellung nimmt mit diesen Stücken eine neuerliche Wendung. Dass man sie so präsentiert, als handle es sich dabei um Grabbeigaben einer vergangenen Kultur, ist das einzige Unglück dieser sehenswerten Schau.

Staatsgalerie Stuttgart, bis 27. Juli. Katalog bei Hatje Cantz, 144 S., 152 Abb., 16,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar