Knutscherei auf Konzerten : Ohren auf und Hände weg!

Kaum beginnt die Band auf der Bühne zu spielen, starten einige Liebespaare im Publikum mit ihrem Geknutsche und Getatsche. Wer dahinter oder daneben steht, muss das Liebesspiel gezwungenermaßen verfolgen. Das nervt. Ein Plädoyer für etwas mehr Rücksicht.

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Öffentliche Liebkosungen können auch nerven. Foto: dpa/p-a
Öffentliche Liebkosungen können auch nerven.Foto: dpa/p-a

Neulich in der Waldbühne. Ein sensationelles Rockkonzert, im Publikum Begeisterung. Ein Paar direkt neben mir erfreut sich allerdings vor allem an sich selbst. Erst tauschen der Mann und die Frau nackenhaaraufstellende Koseworte aus, um dann ausgiebig aneinander herumzutatschen und sich intensiv zu küssen. Immer weiter, immer tiefer. Zum Glück tragen beide wegen des unbeständigen Wetters bunte Funktionsjacken, sonst wären sie wohl demnächst auf Softporno- Niveau angelangt. Ich überlege kurz, ob ich anrege, dass sie sich ein ruhigeres Plätzchen suchen oder einfach schnauze: „Habt ihr kein Bett, ey?!“ Doch ich will ja das Konzert verfolgen und nicht streiten, also halte ich eine Weile meine linke Hand wie eine Scheuklappe an die Schläfe und warte, bis sich die Frau irgendwann in die Löffelchenstellung vor ihren Liebhaber rollt. Das rhythmische Schubbern der beiden ist dann halbwegs erträglich.

Ähnliche Szenen spielen sich sowohl mit homo- als auch heterosexuellem Personal auf jedem Konzert ab, wobei Open Airs offenbar noch einmal extra stimulierend wirken. Natürlich ist es schön, wenn Verliebte die Band einmal live sehen möchten, die ihren Lieblingssong („unser Lied“) spielt. Und verständlicherweise ist gerade am Beziehungsbeginn die Anziehungskraft des Partners oder der Partnerin oft größer als das Musikinteresse. Da kann man die Umgebung schon mal vergessen. Aber bitte nicht zwei Stunden lang! Und es bringt doch auch niemandem was. Sowohl die Kuschelnden als auch die Umstehenden hätten mehr vom Abend, wenn die Ungeduldigen ihre Leidenschaft an einem anderen Ort auslebten. Wahrscheinlich fänden es auch die Musikerinnen und Musiker auf der Bühne ganz schön, wenn das Publikum sich stärker aufs Zuhören konzentrieren würde.

Das Bewusstsein für die Tatsch- und Knutsch-Problematik ist hierzulande noch nicht so weit entwickelt wie beispielsweise in den USA, wo mittels der Abkürzung PDA („public display of affection“, also: öffentliche Darstellung von Zuneigung) über angemessenes und unangemessenes Paar-Verhalten diskutiert wird. Die Grenzen zwischen „Geht gar nicht“ und „Gehört dazu“ sind dort zwar ebenfalls fließend, doch immerhin gibt es überhaupt ein Sensorium für die Frage, ob es anderen eventuell unangenehm sein könnte, gezwungenermaßen das eigene Liebesspiel zu verfolgen. Denn auf Konzerten kann man sich anders als auf der Straße oder in der U-Bahn ja meist nicht durch ein paar Schritte oder eine Wendung des Kopfes entziehen. Zumal das Gefummel meist erst beim Einsetzen der Musik beginnt. Vorschlag: Einfach mal bis zum Konzertende warten – dann wird die Nacht doppelt heiß.

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