Kultur : Koalition in Berlin: Schrecklich normal

Rüdiger Schaper

Alles schon mal dagewesen, alles schon mal durchgemacht? Der rot-rote Senat, der heute im Berliner Abgeordnetenhaus gewählt wird, polarisiert die Stimmung in der Hauptstadt in ungeahntem Maß. Über zehn Jahre haben Ost und West miteinander - wohl doch: nebeneinander! - gelebt, Berlin wurde von West-Parteien regiert, und alles schien in bester Unordnung, abgesehen davon, dass sich, ganz still und heimlich, ein Schuldenberg auftürmte, der einer Bananenrepublik zur Ehre gereicht.

Zum Thema Online Spezial: Rot-Rot in Berlin
Kurzporträt: Der neue Senat Berlin, am 17. Januar 2002: keine Spur von innerer Einheit, im Gegenteil. Es scheint vielmehr, als sei die Mauer im Kopf die längste Zeit überwunden gewesen. So lange offenbar, wie die PDS aus der Regierungsverantwortung herausgehalten wurde. Das Wahlergebnis vom 21. Oktober war ernüchternd: Der halbe Osten hatte PDS gewählt, und plötzlich hatten die West-Parteien keine koalitionsfähige Mehrheit mehr. Jetzt kommt die nächste Große - historisch noch größere - Koalition aus SPD und PDS, und mit einem Mal scheint ein Kulturkampf loszubrechen, als ginge es, wie einst bei Franz-Josef Straußens Kanzlerkandidatur, um "Freiheit oder Sozialismus". Die Tatsache, dass mit Edmund Stoiber ein Bayer ins Kanzleramt drängt, eröffnet für Berlin noch eine weitere kulturelle Front.

Als Walter Momper und die SPD 1989 mit der Alternativen Liste eine Koalition stemmten, gingen im Westen nicht rote, sondern grüne Gespenster um: dass die Frontstadt in einen Kreuzberger Chaoten-Kiez verwandelt würde. Nichts Neues also im Experientierdorf Berlin. Oder doch? Hört mit der PDS die Berliner Spaßgesellschaft auf?

PDS-Politiker in Amt und Würden: Vom SED-Unrechtsstaat ist wieder häufig die Rede, von einer Beleidigung der Opfer der ostdeutschen Diktatur, von Geschichtslüge. Diese Art von Erregung kennt man aus der Nachwendezeit, als sich zum Beispiel die beiden Kunst-Akademien aus Ost und West annäherten. Das war eine wild umkämpfte, symbolische Geschichte, die darin endete, dass die vereinigte Akademie nach überstandenem Kraftakt eine lange Weile in der Versenkung verschwand. Normalität ist schrecklich. Zu jener Zeit zog der Diepgen-Senat ja auch überstürzte Sparnummern durch. Das Schiller-Theater verschwand. Und jetzt soll es wieder Institutionen im Westteil treffen - die PDS steht im Verdacht, sich für Vereinigungs-Unrecht, wie das manch einer im Osten empfindet, revanchieren zu wollen.

Es ist die Stunde der Symbole, der Wiedergänger. Frank Castorfs Volksbühne, Berlins Vorzeige-Theater, hat im zurückliegenden Jahrzehnt all die Verwerfungen, den historischen Rest-Müll der Ideologien, die Leitkultur-Frage, das Ost-Nostalgische, all das, was die Politik jetzt umtreibt, wieder und wieder durchgespielt, mit gesamtdeutschem Künstlerpersonal übrigens. 1993 gab es dort ein Tanztheater-Drama von Johann Kresnik, das heute nachgerade prophetisch erscheint: "Rosa Luxemburg - Rote Rosen für Dich." Da sah man alte Männer mit Honecker-Hütchen und roten Nelken, die sich hinter nackten Frauenleichen feierlich zu einer Rosa-Luxemburg-Demo aufstellten. Kresnik hat dieser Tage seine letzte Premiere an der Volksbühne. Seine Wut hat sich erschöpft. Das Teilungs-Trauma nicht ...

So liberal, weltoffen und offensiv wie die Volksbühne aber sind die gewählten Volksvertreter in Berlin längst noch nicht. Die PDS, Volksbühnen-Nachbarin vom Rosa-Luxemburg-Platz, hat nichts als kulturpolitische Horrorszenarien zu bieten. Thomas Flierl, ihr designierter Senator für Kultur und Wissenschaft, gilt als dritte Wahl, hinter Gysi und Bisky. Das vornehmste PDS-Projekt, festgeschrieben im Koalitionsvertrag, der weltweit bedeutenden Häusern wie Grips-, Hebbel-Theater und Schaubühne mit "Evaluierung" und "degressiven" Zuwendungen droht, ist die Aufstellung eines Rosa-Luxemburg-Denkmals am Rosa-Luxemburg-Platz, nahe der PDS-Zentrale.

Eine Ersatzhandlung, typisch für diese Stadt. Braucht Berlin ein Luxemburg-Denkmal, gerade jetzt? Man kann die Frage mit einer anderen Frage beantworten, von der anscheinend auch das Seelenheil vieler abhängt: Wozu braucht Berlin ein Stadtschloss? Rote Tücher, preußische Bastionen: Wer will da wofür Wiedergutmachung? Wie materialisiert sich historisches Erbe im Stadtbild - und wer bestimmt darüber?

Klaus Wowereit hat sich zum Regierenden Bürgermeister wählen lassen, um Berlin aus der politischen Apathie zu befreien. Doch die kümmerliche Programmatik des neuen Senats und die aufreizend-hilflose Art und Weise, wie die Koalitionäre ihre löchrige Personaldecke strammziehen, verspricht wenig Gutes. Ob Rot-Rot ein Zukunftsmodell sein kann, wird man abwarten müssen; hektisch zusammengeklaubte Koalitionspapiere sind geduldig. Jetzt aber, noch ehe die SPD / PDS-Senatoren gewählt sind, fällt der ersten gemeinsamen Stadtregierung ein dicker Brocken Geschichte auf die Füße.

Als Klaus Wowereit im Herbst von Michel Friedman abgehört wurde, wusste der Regierende die genaue Zahl der Maueropfer nicht zu nennen. Bald darauf hatte er sich den Ruf des Party-Meisters ertanzt. Alles im Grunde nicht weiter schlimm und menschlich sympathisch, nur: Die neuen Berliner Herren haben übersehen, wie dünn das Eis ist, auf dem sie sich drehen. Die CDU Landowskys und Diepgens konnte aus Kalten-Kriegs-Stellungen operieren, das bot gute Deckung. Rechts hat in Deutschland a priori stärkere Legitimität. Wowereit legt ein lässig-linkes Berlin-Image auf - und ruft die Geister auf den Plan.

Von Heiner Müller stammt ein deutscher, ein Berliner Satz, den Claus Peymann in seiner "Nathan der Weise"-Inszenierung am Berliner Ensemble zitiert: "Die Geschichte reitet auf toten Gäulen ins Ziel." Von wegen innere Befreiung: Alte Wunden, alte Gräben tun sich wieder auf. Die neuen Akteure wirken nicht sonderlich frisch und inspiriert. Die Gefahr besteht, dass ein jeglicher Sparversuch in ideologischen Blockaden und Klientelinteressen hängen bleibt.

Das Berliner Tempo ist ein Mythos. Vieles in dieser Stadt, zumal im alten Westen, geht seit jeher seinen sozialistischen Gang. Die Milieus sind zählebig, hüben wie drüben. Jetzt aber, mit diesem vermeintlichen "Volksfront"-Senat, scheint Berlin in der Normalität anzukommen, dort, wo es wehtut. Die überfällige Konfrontation der historischen Blöcke mag am Ende befreiende Wirkung haben. Man gewöhnt sich so schnell an das gestern noch Undenkbare: an deutsche Soldaten in Kabul, die ihren Sold in Euro bekommen. Die D-Mark ist weg, die PDS ist da. Und Gysis Sozialisten könnten am Ende das Schicksal der Ost-Frau Angela Merkel in der CDU nachspielen: Sie werden, in aussichtsloser Situation, als Trümmerfrauen an den Senatstisch geholt, und das war es dann.

Und zur Belohnung gibts ein Denkmal auf dem Luxemburg-Platz, geschaffen von Georg Baselitz, der Rosa von den Füßen auf den Kopf stellt.

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