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Köln : Stockhausen im Weltspreizschritt

11.04.2011 21:51 Uhrvon
Feuer- und Wasserspiele in 3 D. Die katalanische Truppe La Fura dels Baus führte Regie bei der posthumen Uraufführung des „Sonntag“ in der Oper Köln.Bild vergrößern
Feuer- und Wasserspiele in 3 D. Die katalanische Truppe La Fura dels Baus führte Regie bei der posthumen Uraufführung des „Sonntag“ in der Oper Köln. - Foto: Klaus Lefebvre

Die Musik, sagt Stockhausen, sei das "Flugschiff zum Göttlichen". Und da alles Schwingung ist auf Erden, ist sowieso auch alles Musik, irgendwie. Uraufführung in Köln: "Sonntag", das Finale von Karlheinz Stockhausens Mammut-Oper "Licht".

„Einen Roman durch eine einzige Geste, ein Glück durch ein einziges Aufatmen auszudrücken: Solche Konzentration findet sich nur, wo Wehleidigkeit fehlt“, schrieb Arnold Schönberg über Anton Weberns Bagatellen op. 9, eine der Inkunabeln der musikalischen Moderne, klingende Polaroids unserer Gefühls- und Gedankenwirklichkeit, jeweils nur einige Sekunden lang, entstanden vor 100 Jahren.

Demnach wäre Karlheinz Stockhausen, dessen „Sonntag“ aus seinem Musiktheaterzyklus „Licht“ die Kölner Oper nun in einem achtstündigen Kraftakt (verteilt auf zwei Abende) posthum uraufführte, der gigantomanischste Wehleidige nach Richard Wagner.

29 Stunden dauerte die gesamte „Licht“-Heptalogie und benötigte, nach dem Willen des 2007 verstorbenen Meisters, sieben verschiedene Orte und vier Hubschrauber. Und den rechten Glauben.

Bei aller pfingstwunderlich praktizierten Esoterik, bei allen Ethno-Weihen bleibt Stockhausen immer Rheinländer und Katholik, dieser Weltspreizschritt macht vieles in seinem Oeuvre ja so herzerfrischend-gotterbärmlich infantil. „Hoffentlich beten Sie mit mir, dass SONNTAG aus LICHT kein ,Ruhetag’, sondern ein Tanz in der Sonne wird. FURCHTLOS WEITER!“. So steht es in Köln auf Fahnen und Plakaten zu lesen, die den Weg zum Spielort weisen, ins Staatenhaus auf dem Messegelände. Ein frommer, ein hybrider Wunsch.

Furchtlos weiter, beten, tanzen, angesichts dessen, was in der Welt gerade passiert? So richtig erleuchtet jedenfalls will man sich am Ende nicht finden, und man fragt sich, warum. „Licht“ dekliniert so sauber wie profan die sieben Wochentage durch, Montag, Dienstag, Mittwoch, in ihren mehr oder weniger willkürlich arrangierten Farben und Düften, Zeichenhaftigkeiten und Temperamenten. Die handelnden Personen alias kosmischen Kräfte sind der Erzengel Michael, Eva, die Ur-Mutter, und Luzifer. Dem „Sonntag“ fällt in diesem schamanistischen Großringelpiez das Gotteslob zu, was sonst. Die fünf Szenen und ihr „Abschied“ sind einzeln „GOTT gewidmet“, ihr Duft ist der Weihrauch, ihre Farbe weiß oder golden, und am Ende des Tunnels winkt die „mystische Vereinigung“ von Mann und Frau und Gott und Mensch und Kreatur und Sternenzelt. Die Musik, sagt Stockhausen, sei das „Flugschiff zum Göttlichen“. Und da alles Schwingung ist auf Erden, ist sowieso auch alles Musik, irgendwie.

Das heißt: Natürlich nicht irgendwie, sondern manisch ausgetüftelt und bis ins letzte Sinuskürvlein computergeneriert. Der Mann war ein solcher Technik- und Kontrollfreak vor dem Herrn, dass ihn Teile der Popszene bis heute wie einen Heiligen verehren (im Gegensatz zu den eher Bedenken tragenden Vertretern der Neuen Musik und der Kirche). Die Bilder von Stockhausen an seinen Mischpulten zeigen ihn mal strahlend als Kind im Kreise seiner allerschönsten Bauklötze, mal als Petrus an der Himmelspforte. Fröhlich sei der Mensch in seiner Arbeit – „denn das ist sein Teil“?

Es gibt preiswertere Vergnügen: Eine halbe Million Euro soll der „Sonntag“ in der Umsetzung des katalanischen Regie-Konsortiums La Fura dels Baus laut „Bild“ verschlungen haben, ohne Sponsoren ein Ding der Unmöglichkeit. Wobei sich der Hightech-Aufwand von 3D-Animation bis Live-Video, von Feuer- und Wasserspielchen bis hin zu einem sich hydraulisch in die Lüfte schwingenden Schimmel, auf dem Eva und Michael Ende der vierten Szene („Düfte – Zeichen“) entfleuchen, kaum rechtfertigt (Bühne Roland Olbeter, Video Franc Aleu Urano). Das Ganze bleibt illustrativ und insofern kalt. Wenn man kurz vor Mitternacht wieder draußen ist und am anderen Rheinufer den Dom glänzen sieht, St. Martin, St. Ursula und St. Kunibert und wie sie alle heißen, dann seufzt man tief und ist froh, dass das eigene Herz im Leib noch hüpfen kann.

Woran fehlt’s? An der inneren Bereitschaft, sich die Stockhausensche Privat-Kosmologie aufzuschließen und sich ihr hinzugeben? Haben wir ein Problem mit Religion? Mit Avantgarde? Wäre Hingabe bei den versammelten Komplexitäten, musikalisch wie textlich wie weltanschaulich, überhaupt das probate Mittel? Oder nagt vielleicht längst – schlimmer Verdacht – der Zahn der Zeit an diesem Opus summum? 26 Jahre lang hat Stockhausen an seinem „Licht“-Zyklus gearbeitet, von 1977 bis 2003, da fließt viel Wasser den Rhein hinunter. Auf die Frage, wann er am liebsten gelebt hätte, pflegte der einstige Heros von Darmstadt und Donaueschingen zu antworten: „JETZT JETZT und immer wieder JETZT JETZT JETZT JETZT JETZT.“ Sollte man das nicht ernst nehmen?

Vielleicht merkt man auch nur die missionarische Absicht und ist verstimmt. Wenn sich, wie im Staatenhaus, die Eingeweihten und Stockhausen-Jünger am Dresscode zu erkennen geben (ganz in Weiß mit güldenen Applikationen), dann mag das etwas karnevalistisch Nettes haben – man selbst möchte trotzdem lieber in Sack und Asche gehen. Und wenn die Kutten und Kapuzen der Musiker und Choristen, ihre Plastik-Overalls, Brautgewänder, Schleier, ja selbst das Tuch über einem Vogelbauer in der fünften Szene („Hoch-Zeiten“) mit dem vollen Projektnamen bedruckt ist („Karlheinz Stockhausen Sonntag aus Licht“), dann sind alle möglichen Sektierereien nicht weit (Kostüme Chu Uroz). Jegliches Augenzwinkern fehlt hier, leider ein vorherrschender Wesenszug. Wahrscheinlich ist noch die KünstlerUnterwäsche im gleichen Design getrimmt.

Simpel ausgedrückt: Ein Kunstwerk, eine „Oper“ des 21. Jahrhunderts wird nicht dadurch erhellend, erhebend und zur mystisch-kathartischen Einkehr, dass Trockeneisnebel wallen, Weltkugeln durch den Raum pendeln, Musikinstrumente kopulieren, ein Ministrant mit Weihrauchfässern die Stufen in Saal B auf und ab schreitet, und die Sänger wahlweise „mystisch mystisch“ skandieren, Küsschen, schmatz, schmatz, in den Saal werfen oder an Textzeilen wie „Micha Juhuhunge, ihi-hihich lieb auch Dich, träume mihihit mir im Himmel“ die Mundwerkzeuge schulen.

Über Stockhausens Frauenbild sollte man ohnehin besser schweigen. Über die Erotik des Geschehens auch. Und selbst die Einfalt seines Weltbildes stellt auf Dauer eher ein Ärgernis dar, als dass sie die Kraft hätte, den Zuschauer auf seine, die mutmaßlich andere Seite zu ziehen.

Für eine veritable Hirnwäsche wiederum ist Stockhausens Musik zu genial gemacht. Sie lässt dem Publikum keine Ruhe, es kann sich nicht einfach in die in Saal A für die erste Szene („Lichter – Wasser“) bereitgestellten Liegestühle fläzen und sich der halb Dalì, halb Captain Kirk geschuldeten Ästhetik überlassen. Ständig versucht man, die ominöse „Superformel“ (die Eva-, Michael- und Luzifer-Melodie vertikal übereinander geschichtet) zu knacken, auf der alles fußt. Natürlich vergebens, da mögen die Musiker der Musikfabrik noch so viel gestisches Talent an den Tag legen (Leitung Kathinka Pasveer, Peter Rundel), die Solisten noch so Schwindel erregend virtuos und sicher agieren (Anna Palimina als Eva, Hubert Mayer als Michael), die Chöre noch so schillernde Klangwände und -räume evozieren. Streng Kammermusikalisches steht hier neben Opernhaftem und Symphonischem, auch die Formenvielfalt greift, wie sollte es anders sein, nach der ganzen Musik. Und das Klangbild ist überwiegend sonnig.

Der Monomane Stockhausen aber will nicht Wirklichkeit abbilden, sondern Wirklichkeit schaffen. Darin schließt er, kaum überraschend, zu den Theaterwelten eines Einar Schleef oder Christoph Schlingensief auf. Acht Stunden Wirklichkeit und eigene Lebenszeit freilich müssen vorläufig genügen. Die Bekehrung ist fehlgeschlagen, der Traum von einer „insgesamt musikalischeren Gesellschaft“ ausgeträumt. Als habe es den „Sonntag“ nie gegeben, ist wieder Montag, Dienstag, Mittwoch.

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