Kultur : Kölner Ausstellung zeigt - erstmals in Europa - buddhistische Nationalheiligtümer

Matthias Mochner

Die tiefere Bedeutung des Titels "Im Licht des Großen Buddha" offenbart sich schrittweise beim Gang durch das Kölner Museum für Ostasiatische Kunst in Köln. Hier sind - erstmals in Europa - insgesamt 14 als "Nationalschätze" sowie 46 als "wichtige Kulturgüter" deklarierte Kunstwerke aus dem im 8. Jahrhundert gegründeten buddhistischen Tôdaiji-Tempel der ehemaligen japanischen Kaiserstadt Nara zu sehen. Die Präsentation ist in der Tat ein Privileg, da Nationalschätze normalerweise nicht ausgeliehen werden dürfen und die nun in Köln gezeigten Objekte bisher nur einmal außerhalb Japans zu sehen waren.

Die Brisanz des Unternehmens zeigt sich überdies daran, dass alle Objekte unverändert Teil des religiösen Lebens im TôdaijiTempel sind. Ein Sakrileg also, so könnte es scheinen, sie westlichen Betrachtern im Museum zu zeigen. Im Rahmen kulturhistorischer Ausstellungen jedenfalls ein Novum und ein Beispiel für die These vom Kunstmuseum als religiösem Ort in der Gegenwart. Am liebsten hätten die Mönche selbst ihre religiösen Objekte im Kölner Dom zusammen mit christlichen Kultgegenständen gezeigt.

So findet sich gleich zu Beginn die 218 Zentimeter große Abreibung eines Lotosblütenblattes vom Sockel des Buddha Vairocana. Für das Studium der Szenen dieser einzigartigen "Lotosblütenschatzwelt" sollte man sich Zeit nehmen. Die Besucher begegnen in den Objekten nicht nur einer beeindruckenden Bild- und Formensprache, sondern in dem Buddhismus auch einer Weltauffassung, deren spirituelle Tiefe in hartem Gegensatz zum illusionären Charakter moderner High-Tech-Wirklichkeit stehen. Soll der Ausstellungsbesuch nicht Tabus verletzen, ist an diesem Punkt der behutsame Umgang mit Objekten angemessen. Den Initiatoren der Ausstellung, allen voran den Mönchen des Tempels, war dies bewusst. Schon die Reise der Objekte nach Europa erforderte umfangreiche rituelle Vorkehrungen, handelt es sich hier doch keineswegs um "leblose" Kunstobjekte, sondern um Gegenstände, denen eine Seele eigen ist. Sie wurde ihnen vor der Reise ins Museum für Ostasiatische Kunst entnommen - eine von Mönchen des Tempels zelebrierte Zeremonie gab sie ihnen in Köln dann wieder zurück. Eine ungewohnte Vorstellung, die an das Mundöffnungsritual für ägyptische Götterstatuen erinnert und durch eine Maßnahme ergänzt wird, die den religiösen Charakter der Kunstwerke wahren soll: Zwei Mal täglich findet in der Ausstellung ein buddhistisches Ritual statt.

Doch auch ohne ein solches befinden sich empfängliche Besucher bald "im Lichte des Großen Buddha". In der kunstgeschichtlichen Analyse wie im freien Spiel assoziativer Wahrnehmung wird die von der Kunst ausgehende Wirkung greifbar. Der Topos vom "realitätsnahen Bildnis" gewinnt in der um 1206 geschaffenen Porträtskulptur des Priesters Chôgen (1121 - 1206) derart lebendige Gestalt, dass man sich vor einem weisen Manne stehend wähnt.

Körperhaltungen, die differenzierte Gestik insbesondere der Hände der Statuen und vor allem die Milde des nach innen gewendeten Gesichtsausdruckes der verschiedenen auf Lotosblüten "sitzenden" Buddhas verweisen auf unterschiedliche Erkenntnisstufen des Menschen. In den Gestalten eines Buddha Amitâbha, eines elfköpfigen Avalokiteshvara, eines Bodhisattva Samantabhadra oder eines Buddha Kshitigarbha sind sie physisch anwesend. Ihr Lächeln lenkt die Aufmerksamkeit auf Objekte, die vom Tôdaiji-Tempel im Laufe der Jahrhunderte erzählen: Gigaku-Masken, Wirtschaftsdokumente des Tempels, prächtige Pong-Seiden des 8. Jahrhunderts, ein Gong mit Holzgestell, ein Altartisch, ein Weihrauchbrenner, Strenkästen, Vorschriften für die Mönche und Nonnen und nicht zuletzt die rotlackierte Holzmaske eines Fliegenvertreibers.Museum für Ostasiatische Kunst, Köln, bis 10. November; Katalog 49 DM.

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