Kölner Domplatte : Flache Fläche Freiheit

Magische Orte (3): Ortstermin auf der Kölner Domplatte. Sie sei hässlich, ein Schandfleck, heißt es seit ihrer Fertigstellung 1971. Aber sie ist auch Spielfläche und lädt alle zum urbanen Theater ein.

Nadine Lange
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Skater und Akrobaten tummeln sich auf der Domplatte. -Foto: Sonja Niemeier

Der Blick fliegt sofort in den Himmel. Emporgezogen von der magnetischen Kraft der Vertikalen, den nach oben strebenden Spitzbögen. Ein durch und durch vertrauter Anblick. Und doch ist es immer wieder erhebend, aus dem Kölner Hauptbahnhof zu treten, den Kopf nach links zu wenden und den Dom in seiner ganzen dunklen Pracht aufragen zu sehen.

Seit vor vier Jahren der Bahnhofsvorplatz neu gestaltet wurde, hält dieser Moment sogar noch ein bisschen länger an. Denn sobald der Blick sich wieder senkt, wird man nun nicht mehr mit einem schockierenden Kontrastprogamm aus ranziger Reibekuchenbude und einem Gewirr von uringetränkten Betonecken konfrontiert. Der Platz wurde leergeräumt, fällt zum Alten Wartesaal hin als Rampe ab und leitet zum Dom mit einer breiten, schlichten Freitreppe über.

Nach 31 Stufen steht man vor dem majestätischsten Sakralbau Europas – und auf einem der meistgehassten Plätze der Stadt Köln: der Domplatte. Angefeindet wird die etwa 7000 Quadratmeter große, hellgraue Granitfläche seit ihrer Fertigstellung 1971. Sie sei hässlich, ein Fehler, ein Schandfleck heißt es von der Dombaumeisterin bis zum Reiseführer. Dabei ist die vom Kölner Architekten Fritz Schaller (1904 – 2002) entworfene Platte eigentlich genial – eine Einladung, die riesige freie Fläche zu bespielen, sich zu zeigen oder einfach nur zu schauen. Pflastermaler, Partygesellschaften, Artisten und Skater lieben die Domplattte und machen sie zu einem großen urbanen Theater, bei dem man nie weiß, was auf dem Spielplan steht. Eintritt und Platzwahl sind frei.

Zudem bringt die Platte den eigentlich auf einem Hügel liegenden Dom im Süden, Osten und Westen auf ein Niveau mit seiner Umgebung, was zu einer organischen Verbindung mit der Altstadt führt. Dabei bleibt dem Gotteshaus genug Raum zum Atmen, seine Aura ist allgegenwärtig auf der Domplatte. Auch die Menschen können in der dicht bebauten Innenstadt einmal durchatmen und den Blick schweifen lassen, bevor sie sich in die Enge der angrenzenden Hohe Straße begeben. Dreht sich dort alles um Konsum, ist die Domplatte eine riesige kommerzfreie Zone. Werbung, Verkaufsveranstaltungen, selbst Jahrmärkte sind verboten.

Jeden Tag steckt die Domplatte 20 000 Touristen weg, dazu kommen noch etliche Kölner. Für sie alle ist Platz, es entsteht kein Geschiebe, obwohl um die Ecke des Nordturms ständig neue Passanten vor das Hauptportal gespült werden. Hier geht der Blick erneut hinauf zu den Kreuzblumen in 157 Metern Höhe. Den Kopf in den Nacken gelegt, fragt eine junge Frau ihren Begleiter: „Wie lange haben die noch mal gebraucht, um das hier aufzubauen?“ – „800 Jahre. Aber die haben zwischendurch mal 500 Jahre Pause gemacht“, antwortet er. Etwas genauer will es eine Professoren-Gruppe aus Cottbus wissen, die sich um eine hochgewachsene Reiseführerin versammelt hat. Früher war sie Geschichtslehrerin, sagt sie, und die grauen Köpfe nicken ihr freundlich zu. Ein paar Meter weiter suchen zwei asiatische Frauen nach einer guten Fotoperspektive, ein Zauberkünstler im schwarzen Anzug versucht, drei vorlaute Jungs mit Kartentricks zu beeindrucken, eine Nonne überquert zügig den Platz.

Konstanten des sich ständig wandelnden Bildes sind die Bettler an den Türen des Doms und die „lebenden Statuen“. Sieben Kostümierte haben sich an diesem Tag akkurat nebeneinander auf ihre Kistchen gestellt. Ein Charlie Chaplin, ein Jack Sparrow und ein Napoleon sind dabei – gegen ein bisschen Kleingeld gibt es eine Verbeugung oder ein Winken, dann fallen sie wieder in ihre Starre.

Trotz des Trubels ist es erstaunlich ruhig vor dem Dom, fast so, als drifte die andächtige Atmosphäre aus seinem Inneren auch auf den Vorplatz hinaus. Sogar der etwas schwachbrüstige Viertelstundenschlag ist deutlich zu hören. Als hinter dem Bauzaun eine Kreissäge aufjault, wird das akustische Idyll brutal durchschnitten. Ein neuer Zugang zum Südturm und ein Dom-Kiosk werden hier gebaut – in zurückhaltender, kubischer Architektur. Neue Diskussionen um die viel zitierte „Würde des Doms“ (Weltkulturerbe!) wird sie wohl nicht auslösen.

Hinter der Baustelle beginnt der Roncalliplatz – der größte Teil der Domplatte. Er gehört den Skateboardfahrern. An einem sonnigen Nachmittag rollen nach und nach immer mehr Jungs heran. Klackend springen sie hoch, drehen die Bretter unter den Füßen. Ein versierter Nachwuchsfahrer versucht möglichst lange nur auf der Hinterachse zu rollen. Die konkave Form des nach Guiseppe Roncalli (Papst Johannes XXIII.) benannten Platzes hilft ihm dabei. Ein Kollege mit Baseball-Cap knallt derweil fluchend auf den Hosenboden – sein Brett rollt ohne ihn weiter.

Die Skater sind eine echte Attraktion zwischen Römisch-Germanischem Museum und Dom-Hotel. Ihre Tricks und Stürze sind unterhaltsamer als jeder Zirkus. Ganz anders sieht das CDU-Oberbürgermeister Fritz Schramma, der die Dom-Skater am liebsten los wäre. Um ihnen die Domplatte zu verleiden, wurden kürzlich etwa 50 Zentimeter lange Stücke aus den Kanten der Blumenkübel herausgefräst. Zwar können die Skater nun nicht mehr mit den Achsen oder der Brettunterseite über die Kanten rutschen, doch optisch ist die Aktion ein Reinfall: Die Kübel sehen aus, als hätten sie eingeschlagene Zähne. Die von den Skatern verursachten Schrammen waren da doch deutlich dezenter.

Sitzt man eine Weile an der unbebauten Seite des Roncalliplatzes, hört den Wind durch die Platanen rauschen und sieht den Touristen beim Eisessen zu, kommt eine fast mediterrane Stimmung auf. Und ja, dort drüben auf der Terrasse stehen sogar ein paar Palmen. Sie gehören zum Dom-Hotel, das im Krieg ein Stockwerk und seine Türme eingebüßt hat, dem Platz aber dennoch eine gewisse Grandezza verleiht. Vom Balkon, wo gerade eine Hochzeitsgesellschaft in feinem Zwirn die Gläser hebt, hat man den perfekten Blick auf den Roncalliplatz. Einst befand sich hier eine Gartenanlage, jetzt ist es der Platz für Demonstrationen in Köln. Für Konzerte und Ähnliches gibt es ein strenges Regelwerk. Nur sechs Großevents im Jahr dürfen hier stattfinden – ausgenommen kirchliche Veranstaltungen. BAP und der Papst haben in letzter Zeit vorbeigeschaut. Da wurde es doch mal eng auf der Domplatte.

In der Serie „Magische Orte“ sind bisher erschienen: Ulrichshusen in Mecklenburg (18. 7.), die Karibikinsel St. Lucia (25. 7). Als Nächstes: Plaza Baquedano in Santiago de Chile

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