Kultur : König der Bilder

Vom Glück der Kunst: Heinz Berggruen hat die Freude an seinen Schätzen immer mit anderen geteilt

Nicola Kuhn

„Er ist der König von Berlin“, hatte ihm sein Freund Helmut Newton zum 90. Geburtstag enthusiastisch im Tagesspiegel gratuliert. Das war nicht einmal übertrieben. Denn Heinz Berggruen war in seinem letzten Lebensjahrzehnt so etwas wie eine Majestät der Berliner Kunstszene geworden. 1996 hatte er nicht nur seine Sammlung der Stadt zunächst für zehn Jahre als Leihgabe überlassen, sondern war gemeinsam mit seinen Bildern zum Bewohner des Westlichen Stülerbaus gegenüber dem Schloss Charlottenburg geworden. Ein neuer Geist zog mit ihm und den Klassikern der Moderne ein. Die bis dahin in der Londoner National Gallery gezeigten Picassos, Matisses, Cézannes, Braques und Klees schlossen in Berlin jene durch Nationalsozialismus und Krieg empfindlich in die Bestände der Nationalgalerie geschlagene Lücke. Und die persönliche Gegenwart von Heinz Berggruen baute auch menschlich eine Brücke zu einer besseren Zeit.

So wird man den kleinen großen Herrn mit dem silbrigen Haar und dem stets verschmitzten Lächeln in Erinnerung behalten: als leibhaftiges Mitglied seiner „Wohngemeinschaft“ aus Kunstwerken, wie er scherzhaft seine Bleibe inmitten der Bilder nannte. Immer wieder gesellte er sich zu den Besuchern seines Museums, unterhielt sich über seine Lieblingsbilder und signierte im Buchladen die von ihm herausgegebenen Schriften. Obwohl der Sammler seine 165 Arbeiten umfassende Kollektion im Dezember 2000 der Stiftung Preußischer Kulturbesitz übereignet hatte (der Bund zahlte rund 240 Millionen Mark für die weitaus wertvolleren Bestände), blieb er der Herr der Bilder und kaufte immer wieder Arbeiten nach, um sein Lebenswerk zu vervollständigen.

Berggruen besaß durch seine Kunst, seine liebenswürdige Gegenwart und seine freimütigen Äußerungen zu Holocaust-Mahnmal, Flick-Collection oder zuletzt der Restitution des Berliner Kirchner-Bildes sowie seine klugen Beobachtungen, die er zunächst im Zeitungsfeuilleton, dann in Buchform veröffentlichte, eine zwingende Präsenz. Als er im Dezember 2006 seinen Rückzug ins Private verkündete, womit er seine endgültige Rückkehr an den Zweitwohnsitz in Paris meinte und dem Museum zum Abschied noch eine Giacometti-Skulptur schenkte, mochte man das so wenig glauben wie nun die Nachricht von seinem Tod im Alter von 93 Jahren. Berlin verliert seinen ungekrönten König der Kunst. Mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde versuchte sich die Stadt 2004 im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu revanchieren.

„Berlin soll leuchten!“, hatte sich Heinz Berggruen in Anlehnung an einen Appell des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog vorgenommen. Dazu wollte er einen Beitrag leisten, wie er 1999 anlässlich der Verleihung des Nationalpreises erklärte. Am 6. Januar 1914 in der Konstanzer Straße in Berlin-Wilmersdort geboren, gehörte einer Generation an, die diesen Anspruch an sich selbst noch authentisch formulieren konnte. „Werde eine Leuchte!“, hatte in einem seiner frühen Feuilletons eine Mutter ihrem emigrierenden Sohn mit auf den Weg gegeben. Die gleiche Aufforderung könnte auch an den damals 22-jährigen Autor ergangen sein, der nicht lange nach dem Erscheinen jenes Feuilletons ebenfalls seine Stadt verließ. Ohne Druck, wie er stets betonte. In Erinnerung behielt er seine unbeschwerte Berliner Kindheit, die er unweit des Schreibwarenladens seiner Eltern am Olivaer Platz verbrachte.

Nach einem zweijährigen Studium der Kunstgeschichte in Toulouse kehrte der Sohn assimilierter Juden arglos zurück, begann sich journalistisch zu betätigen und zog doch 1937 mit einem Berkeley-Stipendium weiter in die USA. Die von ihm veröffentlichten Texte für die „Frankfurter Zeitung“ durften nur noch mit Kürzel erscheinen; in ihnen wird die heraufziehende Gefahr spürbar. In den fortan aus den Vereinigten Staaten eingesandten Stücken kann man zwischen den Zeilen erahnen, wie schwer ihm der Wechsel auf den anderen Kontinent, in die andere Kultur gefallen ist. Dennoch fand Berggruen gerade hier zur Kunst des alten Europa. Für hundert Dollar erwarb er auf seiner Hochzeitsreise 1940 ein Blatt von Klee – der Beginn seiner Sammlertätigkeit und sein Einstieg in den Kunsthandel, nachdem er zuvor als Kurator beim San Francisco Museum of Art eine erste Anstellung gefunden hatte.

1945 kehrt er als US-Offizier nach Deutschland zurück, verlegte seinen Wohnsitz aber nach Paris, wo er 1947 seine erste Galerie auf der Ile de la Cité eröffnete. Der junge Galerist erwirbt sich das Vertrauen Picassos, dem bedeutendsten Maler seiner Zeit, mit dessen Grafiken er fortan handelt. Zu den schönsten Erinnerungsbildern gehört eine Aufnahme von 1962 im lichtdurchfluteten Atelier von Picasso in Cannes. Berggruen hockt zu Füßen des Meisters, die beiden sind ins Gespräch vertieft, auf dem Boden vor ihnen liegen die Probeabzüge der Grafikserie „Diurnes“.

Berggruen wird nicht nur zu einem einflussreichen Händler, der Kunst hohen Ranges auch an deutsche Sammlungen vermittelt. Mit seinem Gespür für Qualität stellt er auch sich selbst eine hochkarätige Kollektion zusammen. 1980 gibt er seine Galerie auf, um sich ganz der Vollendung seiner Sammlung zu widmen. Denn er ist vom Kanon der Klassischen Moderne überzeugt, in deren Zentrum für ihn die französische Malerei steht. In einem seiner letzten Gespräche mit dem Tagesspiegel bekannte er, dass er dennoch immer seinem persönlichen Geschmack gefolgt sei. Er sei da eher konservativ: Mit der Malerei etwa der Neuen Leipziger Schule tue er sich schwer.

Berggruen wollte immer seiner Freude an Kunst mit anderen teilen. Nach Schenkungen ans Centre Pompidou und Metropolitan Museum, einem Gastspiel seiner Sammlung in Genf und dem Zwischenstopp in London fanden seine Bilder und er mit ihnen in Berlin ihre Bleibe. Für ihn war es eine Heimkehr, für Berlin ein wichtiges Signal als Kulturhauptstadt. Denn Berggruen belebte die Tradition der jüdischen Sammler wieder, die einst den Reichtum der Museum begründet hatten. Seine Leidenschaft für die Vaterstadt zeigte, wie viel ihm an einer Wiedergutmachung für alle lag. Am Freitag ist Heinz Berggruen in Paris gestorben. Beerdigt wird er in Berlin, seiner ersten, seiner wiedergefundenen Heimat.

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