Kultur : König des Gebens und Nehmens

Der Balanceakt eines arabischen Monarchen: Abdullah II. von Jordanien warnt vor Krieg im Nahen Osten

Igal Avidan

Als der jordanische König Abdullah II. vor zwei Jahren im Alter von 47 begann, seine Memoiren zu schreiben, wollte er die Rahmenbedingungen und die Akteure eines israelisch-palästinensischen Friedensabkommens darstellen. Der König warnt nun stattdessen schon im Titel seines Buches vor einem Scheitern der Friedensbemühungen: Es gehe um die letzte Chance, einen neuen Krieg zu vermeiden. Der Monarch fürchtet anscheinend um seine eigene Macht und um die Zukunft Jordaniens, obwohl das Land derzeit relativ stabil wirkt. Entweder spürte Abdullah schon vor den Revolutionen im Nahen Osten, wie wackelig die autokratischen Herrschaften dort sind, oder er versucht, mit dem Buch seinen Wert als treuer Verbündeter des Westens zu steigern.

Im ersten Drittel der Biografie beschreibt Abdullah den israelisch-arabischen Konflikt, dessen Wurzeln er in der jüdischen Einwanderung zu Beginn des 20. Jahrhunderts erkennt. Besonders prangert er die amerikanische Forderung an, 100 000 Juden in Palästina aufzunehmen, da diese die Region in ein „blutiges Chaos“ gestürzt habe. Dass die jüdischen Pioniere vor den Pogromen und dem virulenten Antisemitismus im zaristischen Russland flohen und dass eine britisch- amerikanische Expertenkommission 1946 unmittelbar nach der Schoah die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge in eine künftige jüdische Autonomie in Palästina empfahl, nicht in die arabische, verschweigt der König. Ebenso schiebt er den Israelis die Schuld für die jordanische Offensive im Krieg von 1967 zu, bei dem Jordanien das Westjordanland und Ost-Jerusalem verlor.

Jordaniens König ist kein unbeteiligter Chronist, denn seine Liebe zu und Bewunderung für seinen Vater, König Hussein, stehen bei Abdullah an erster Stelle. Von Hussein hat er den Kurs des vorsichtigen Gebens und Nehmens gelernt, den er im zweiten Teil beschreibt. So ließ Hussein den PLO-Chef Jassir Arafat fliehen, obwohl der versucht hatte, mit Gewalt die Macht in Jordanien an sich zu reißen. Später empfing Hussein als Ehrengast Libyens Machthaber Muammar al Gaddafi, obwohl dieser nur ein Jahr zuvor versucht hatte, ihn umzubringen. So regierte der kluge Taktiker 46 Jahre lang.

Wie fest sitzt sein Sohn auf dem Thron? Angesichts der Revolutionen in Nordafrika liest man besonders aufmerksam die Klagen Abdullahs, die politischen Reformen in Jordanien kämen zu langsam voran: „zwei Schritte vor, einer zurück“. Die Beamten verteidigen ihre eigenen Privilegien, und die Sicherheit des Staates hat für sie Priorität über die Demokratisierung des Landes. Immerhin führt der König nach eigenen Angaben diskrete Besichtigungen in Behörden durch, und einmal nahm er im Finanzamt sogar herumliegende Steuerakten mit. Nun mag er begriffen haben, dass nur Reformen ihm Sicherheit gewähren können. Vielleicht würde er sogar dem Parlament das Recht einräumen, den Regierungschef zu wählen, wie dies Demonstranten in Jordanien zurzeit fordern.

Den Balanceakt zwischen Demokratisierung und Stabilität in den zwölf Jahren seiner Regentschaft beschreibt Abdullah im dritten Teil des Buches. Er warnt ausdrücklich vor einer iranischen Expansion in den Nahen Osten, stellt sich auf die Seite der Palästinenser und fordert von Israel das Einfrieren der Bautätigkeit in den Siedlungen und die Gründung eines Staates Palästina mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt. Im Gegenzug würden 57 arabische und islamische Staaten ihre Beziehungen zu Israel normalisieren.

Die in Israel immer wieder vorgeschlagene palästinensisch-jordanische Konföderation lehnt Abdullah resolut ab. Das käme für ihn einer jordanischen Besatzung über die Palästinenser gleich und gefährdete die noch nicht befestigte jordanische nationale Identität. Schade nur, dass er seine Bemühungen um die Schaffung einer nationalen Identität ausklammert. Immerhin widmet er sein Buch „dem jordanischen Volk“. Nichts erfährt man auch über Abdullahs vorsichtigen Umgang mit den eigenen Islamisten. Die „letzte Chance“ für einen israelisch-palästinensischen Frieden wird wohl aufgrund der Umwälzungen in der arabischen Welt verschoben. Erst am Ende dieser Revolutionen wird klar sein, ob diese Biografie die des letzten jordanischen Monarchen oder die eines klugen Herrschers ist, dem es gelang, den Jordaniern mehr Demokratie zu geben und zugleich an der Macht zu bleiben.







– König Abdullah II.:
Die letzte Chance. Mein Kampf für Frieden im Nahen Osten. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011. 448 Seiten, 29,95 Euro.

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