Kultur : König Fußball statt Kaiser Wilhelm

Junge Ideen für den Schlossplatz: Ein Architekturwettbewerb denkt über alternative Lösungen nach

Stephanie Wurster

In der letzten Zeit war eine Menge los auf dem Schlossplatz. Eine Möbelmesse und die Ausstellung zur Zwischennutzung des Palastes der Republik im Staatsratsgebäude. Das zog mächtig Publikum an. Auch wenn es die größte Brachfläche der Innenstadt nur notgedrungen überquerte. Eine frostige Starre hat den Platz im Griff. Die Stadt sieht einen Abriss des Palastes erst für 2004 vor. Wann die Grundsteinlegung für das vielleicht umstrittenste Bauprojekt der deutschen Nachkriegszeit folgen wird, steht in den Sternen.

„Dabei ist das ein so schöner Platz“, seufzt Beate Engelhorn, die gemeinsam mit der Amerikanerin Kristien Ring die Architekturgalerie suitcasearchitecture im Prenzlauer Berg betreibt. Die Galerie schreibt einmal im Jahr einen Wettbewerb aus. Letztes Jahr ging es um Bauen mit Lebkuchen, dieses Jahr um den Schlossplatz. „Zwischenraumzeit“ lautet der Titel. Gesucht wurden Konzepte, die den verwaisten Platz „mit möglichst einfachen Mitteln“ in eine Berliner Attraktion verwandeln, in einen Ort, „der begeistert, mitreißt, erfreut, erleuchtet“.

Eine dreiköpfige Jury, bestehend aus dem Mediengestalter Joachim Sauter, dem Bildhauer Thomas Rentmeister (beide UDK Berlin) und dem Architekten Philipp Oswalt hat die 49 anonymen Einsendungen gesichtet und fünf Entwürfe ausgewählt. Sie werden neben einer Hand voll unprämierter Favoriten in der Architektur-Galerie ausgestellt.

Und es ist verblüffend: Das beste Berlin-Feeling haben zur Zeit Leipziger Architekten, die die zwei ersten Plätze belegen. Es folgen Hamburg (3.), Köln (4.) und Hannover (5.). Die lobenden Erwähnungen zeichnen sich unter anderem durch schwierige Realisierbarkeit aus und werden durchweg Berlinern ausgesprochen.

Mit „Nationalfeld“ hat Tom Cernohorsky eine ebenso einfache wie einleuchtende Idee gehabt. Dass es sich um ein originalgetreues Fußballfeld handelt, dürfte den ausschließlich männlichen Juroren die Wahl zudem erleichtert haben. „4. Juli 1954. Helmut Rahn schießt das 3:2 im WM-Finale gegen Ungarn. Das ,Wunder von Bern’ wird zum Gründungsakt der Bundesrepublik Deutschland“, erklärt der Architekt seinen Einfall. Seitdem sei Fußball zum festen Bestandteil der nationalen Identität geworden. Und dann exakt 48 Jahre später, am 4. Juli 2002, habe der Bundestag sich für den „Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses“ entschieden. Doch Cernohorsky warnt vor der „verfehlten Symbolwirkung“, die von einem „feudalistischen Herrscherhaus“ ausgeht – und fordert: „König Fußball anstatt Kaiser Wilhelm“. Das Fußballfeld wird aus fast 6000 Rasenabschnitten zusammengesetzt, die den kleinen und großen Spielfeldern überall in Deutschland entnommen und wie ein nationales Puzzle aneinander gelegt werden sollen – eine ironische Anspielung auf Hans Haackes Installation, „Der Bevölkerung“ im Reichstag. Ein Wandelgang, der um das Feld gezogen wird, ist geeignet für nachdenkliche Spaziergänge und schlägt mit der Kreuzgang-Thematik einen Bogen zum gegenüber liegenden Berliner Dom. Heiliger Rasen eben.

Aus Hamburg kommt eine weniger lustige, aber mindestens ebenso symbolträchtige und sehr elegante Idee: Dieg Danzer Partner Architekten schlagen vor, Bankgruppen in der Sitzordnung entscheidender politischer Orte aufzustellen, drumherum großzügig gestreuter Kies. Die halbmondförmige Volkskammer der DDR stände genau an ihrem historischen Ort, nach Abriss des Palastes selbstverständlich. Da könnten Touristen ihre Eindrücke sortieren und Jura-Studenten der Humboldt Universität für den Rhetorik-Kurs üben.

Und weil der Berliner Schlossplatz in der Tourismusbranche als hervorragender Zeltplatz bekannt ist – so steht es, erzählt Philipp Oswalt, in italienischen Reiseführern – stellen die Landschaftsarchitekten Alexander Rohe und Lydia Ziegeltrum (5. Preis) ein strenges Raster von blauen Dixie-Klos auf ihr Modell. Es darf und soll gecampt werden, und weil bekanntlich nichts schlimmer ist, als Uringestank, der über ein zermanschtes Campingfeld weht, regieren hier rudimentäre Hygienezellen.

Ob der Ideenwettbewerb auch in ein Bauvorhaben münden kann? „Möglich wäre es“, meint Eva Randelshöfer von suitcasearchitecture. Konkrete Pläne gibt es natürlich nicht. Aber solange auch nichts anderes gebaut ist, bleiben selbst Außenseiter-Entwürfe wie das „Nationalfeld“ eine Alternative. Das dachte sich auch das Architektenbüro AC Hottich (Berlin / Leipzig), das in ihrer Postkartenedition „Grüße aus Archiland“ 2002 schon einmal ein „Schloss- Stadion“ auf den Platz projizierte. Andere Entwürfe sehen ein Ikea-Haus auf der Brachfläche vor, oder es wird über die Errichtung eines autonomen Staates Palästina auf den Fundamenten des Stadtschlosses nachgedacht. Was aus dessen Neubau wird, ist einer jungen Architekten-Generation offensichtlich egal.

„Zwischenraumzeit“: Eröffnung heute um 18 Uhr 30, bis 12.2. in der Galerie suitcasearchitecture, (Choriner Str. 54, Prenzlauer Berg).

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