Kultur : Königin der Schmerzen

„Phädras Liebe“: Christina Paulhofer kämpft an der Berliner Schaubühne mit der Legende Sarah Kane

Rüdiger Schaper

Hechel, hechel. Man könnte mit dem wohldressierten, ziemlich wölfisch aussehenen Schäferhund beginnen, der brav die blutigen Brocken verschlingt, die ihm die Schauspieler hinwerfen. Theaterblut, Theatermenschenfleisch! Man könnte auch erst einmal von dem Kind erzählen, das herzallerliebst – Kontrast, Kontrast! – mit seinen Indianersachen spielt, während die Mama sich vor Geilheit schier verzehrt. Dann hat man einen gewissen Vorgeschmack.

Eine alte Theaterweisheit sagt: Kinder und Tiere auf der Bühne sind eine Todsünde, die sich immer irgendwie rächt. Aber das hier will und kann kein gewöhnlicher Abend sein, es geht um grässliche Sünden, schmutzigen Sex, verbotene Liebe. Um die Legende der Sarah Kane, die von Georg Büchner beeinflusst war und deren Werk so viel über Macht und Ohnmacht des Theaters erzählt.

Erlaubt ist sowieso alles. Doch stellt sich gleich die grundsätzliche Frage, ob der Ekel erhellend oder gar, wie in den guten alten Zeiten, als das Provozieren noch geholfen hat, skandalisierend wirkt – oder ob all der Schweinekram und die gesuchten Schockmomente das Theater nicht vielmehr der Peinlichkeit und Lächerlichkeit preisgeben.

Die Regisseurin Christina Paulhofer riskiert eine Menge. Sie geht dahin, wo es wehtut. Sie weiß: „Phädras Liebe“ von Sarah Kane gehört zu den raren zeitgenössischen Theatertexten, deren Radikalität ebenso fasziniert wie paralysiert. Und immer noch sind Sarah-Kane-Inszenierungen überschattet vom Schicksal der britischen Dramatikerin, die sich 1999 mit nicht einmal dreißig Jahren das Leben nahm. Sich erhängte, wie ihre Heldin Phädra. Man ist versucht, „Phädras Liebe“ als geteiltes Porträt der Sarah Kane zu lesen: auf der einen Seite die Königin, von der Liebe zu ihrem 20 Jahre jüngeren Stiefsohn zerrissen, auf der anderen Seite eben jener liebesunfähige, geistig verfettete Wohlstandswichser Hyppolitos. Zwei schizophrene Fälle, im gewaltsamen Tod vereint.

Für die neue Schaubühne hat Sarah Kane eine besondere Bedeutung – ähnlich sinnstiftend wie Botho Strauß für die alte Schaubühnen-Generation. Schon als Thomas Ostermeier noch die Baracke des Deutschen Theaters leitete, wurde dort Sarah Kanes Erstling, das Kriegsstück „Zerbombt“, aufgeführt. Am Lehniner Platz experimentierte Ostermeier mit Kanes Sprechoper „Gier“, später folgten die nachgelassenen Psychiatrie-Protokolle „4. 48 Psychose“ in der Regie von Falk Richter. „Gesäubert“ war beim Berliner Theatertreffen in der Hamburger Inszenierung von Peter Zadek zu sehen.

Es ist keine Schande, wenn man bei Sarah Kane in bestimmten Momenten der Ohnmacht nahe ist oder sich mit Grausen abwendet. Sie wollte Empathie erzwingen, wie reine Splatter-Movies funktionieren ihre Texte nicht. Doch man glaubt sie schon zu gut zu kennen, die Königin der Schmerzen. Man erwartet, dass es heftig wird – das Klischee.

Christina Paulhofer hat schon in der vergangenen Spielzeit an der Schaubühne einen bombastisch-hohltönenden „Macbeth“ in Szene gesetzt. Sie kommt vom Film, und sie liebt im Theater den großen Aufwand. Dabei ist „Phädras Liebe“ ein schmallippiges Stück, kaum vierzig Seiten in der deutschen Werkausgabe bei Rowohlt (Übersetzung: Sabine Hübner). Der antike Stoff scheint – nach Art des new british drama – auf Wohnküchen-Schlafzimmerformat eingedampft. Nichts mehr von der göttlichen Fügung des Euripides (da hieß das Stück „Hyppolitos“), auch nichts von der steilen Eleganz der Racine’schen „Phèdre“, mit der Patrice Chéreau jüngst in Paris triumphierte. „Phädras Liebe“ lebt und stirbt bei Sarah Kane in Trash und messerscharfem Small-Talk. Hamburger mampfen, lustlos herumficken, Fernsehen glotzen: „Warum revoltierst du nicht wie alle anderen auch“, fragt Phädra, und Hyppolitos mault „Kein Interesse.“ Die reine Depression – nur auch schon wieder etwas aus der Mode gekommen, aus der Zeit gerutscht.

Mit roher Gewalt stemmt Christina Paulhofer dieses Manifest einer undurchdringlichen Einsamkeit in die Höhe. In der kühlen Apsis des Mendelsohn-Baus sitzt das Sakrale. Paulhofer und ihr Bühnenbildner Alex Harb greifen nach der großen Dimension. Die Technik vollbringt gewiss tolle Kunststücke: Der Boden wird zur Decke, und die Decke wird zum Boden. Himmel und Erde, Mensch oder Gott: alles eine Frage der Hydraulik. Levitation ist möglich!

Im Umgang mit dem Text ist die Regie überhaupt nicht präzis und selbstsicher. Paulhofer setzt Sarah Kane einen (überlangen) Prolog aus dem „Hyppolitos“ des Euripides vor die Nase. Da wird die erste dicke Ladung Blut verspritzt, den Kane’schen Dialogen eine Infusion verpasst – und noch einmal am Schluss, wenn Phädras ewig abwesender Gatte, König Theseus, im Palast auftaucht und das allgemeine Gemetzel beginnt. Euripides soll die Klammer sein. Sarah Kanes „Phädra“ geht dabei die Luft aus.

Mit dieser Produktion, die die Griechen um Hilfe anruft, schließen sich an der Schaubühne mehrere Kreise. Die exklusive Beschäftigung mit zeitgenössischer Dramatik wurde inzwischen aufgegeben, man spielt jetzt auch Klassiker. Und „Phädras Liebe“ zeigt wieder, wie Ostermeiers Super-„Nora“: starke Frauen, schwache Männer.

Corinna Harfouch besitzt eine Präsenz, die einen schaudern machen kann. Augen wie blauer Stahl, ein Körper wie eine Tänzerin, eine Stimme, bei der man nicht weiß, ob sie poetisch flüstert oder beinhart kommandiert. Die Kostümbildnerin Caritas de Wit hat die Königin in ein rotes Kleid mit gewaltiger Schleppe gewickelt – zu viel, zu dick aufgetragen. Zu oft, zu malerisch-hysterisch muss sich Phädra lüstern gegen die Wand drücken, am Boden wälzen. Christina Paulhofers Regie badet in Oberflächlichkeit. Julika Jenkins, die Liebesrachegöttin des Vorspiels, wiegt sich mit nackten Brüsten, blutbespritzt, und Linda Olsansky, Phädras rattenscharfe Tochter Strophe, muss wie ein läufiges Tier zucken, sich hinwerfen, die Augen verdrehen. Es wird Frühling.

Die Weiber, immerhin, sind wild und heiß, die Kerle erlebt man bloß dumpf und brutal. Lars Eidingers blasser, blasierter, nöliger Hyppolitos haust in seinem Tipi mit allerlei Pin-ups an der Wand und einer Handkamera. Bei ihm ist alles Handbetrieb, chronisch – und man kapiert wirklich keine Sekunde, was Phädra an diesem lumpigen Lausebengel findet. So blind kann kein Mensch vor Liebe sein.

Und so gäbe es noch viel Ungeschick und Ungereimtes zu berichten. Wie Phädra den Hyppolitos mit ihrer Schleppe einwickelt (jetzt wird’s tanztheatralisch!) und ihm einen bläst. Wie der Stiefsohn sich auszieht, in die Socken des Grauens onaniert (seine Spezialität), wie er schließlich von einem Priester (André Szymanski) befriedigt wird, bevor ihn ein paar moralisch entrüstete Volksvertreter in Streifen schneiden (Blut marsch, gleich kommt der Hund), während der aasige Theseus (Thomas Bading) noch schnell vorm Sterben seine Stieftochter vergewaltigt.

Längst ist der Abend gekippt: mit der Wut der Verzweiflung in den Überdruss. Gnadenlos. Und plötzlich springt Hyppolitos hoch, überwindet die meterhohe Betonmauer, findet Phädra: Das ist schön. Männlich. Unerwartet.

Wieder vom 11. bis 13. März

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