Kultur : Königin des Lichts

Beginn einer neuen Zeitrechnung: Nofretete ist auf die Museumsinsel zurückgekehrt. Das alte Ägypten lebt

Nicola Kuhn

Schon von der Schinkel-Treppe des Alten Museums aus, quer durch die Rotunde, ist sie in ihrer drei Meter hohen Glasvitrine zu sehen. Nun steht sie da, die ungekrönte Königin der Staatlichen Museen, als hätte sie immer schon an diesem Platz gethront, mit Blick nach draußen auf den Lustgarten. Nach 62 Jahren ist Nofretete ins Herz der Stadt zurückgekehrt. Hier nun erfährt sie eine Präsentation, die ihrer würdig ist: majestätisch, von Panzerglas geschützt, durch Sockel und strahlendes Scheinwerferlicht wie eine Monstranz inszeniert. Tatsächlich führt die über 3000 Jahre alte Skulptur mit stiller Kraft einen Triumphzug an: die sukzessive Neueinrichtung der Sammlungen in der Mitte Berlins, die Vollendung der Museumsinsel, ja die Erfüllung des Traums vom Universalmuseum.

Der Einzug Nofretetes ins Kopfstück des Areals, die vorläufige Präsentation der Ägyptischen Sammlung mit über 800 Objekten unweit ihrer künftigen Bleibe im 2009 endgültig wiederhergestellten Neuen Museum sind ein erster Schritt. Finanziert hat den drei Millionen teuren Standortwechsel das Kuratorium Museumsinsel aus eigener Schatulle. Dass diese Wiedereröffnung mit dem Jubiläum der Staatlichen Museen zusammenfällt, verdankt sich einer glücklichen Regie, denn Schinkels vor 175 Jahren erbauter Bildungstempel ist Ausgangspunkt der Universalidee und Nofretetes zeitlose Schönheit die beste Künderin dafür.

Mit Nofretete tritt die Museumsinsel in eine neue Zeit. Wer es immer noch nicht glauben will, dem kündet der Neonkünstler Maurizio Nannucci davon. „All art has been contemporary“ strahlt es als rote, vier Meter breite Inschrift von der Attika des Säulengangs. Vergangenheit und Gegenwart werden auf der Museumsinsel fortan kurzgeschlossen. Eine solch kühne Widmung an einem klassizistischen Bau, der die Antike und nun auch die Kunst des alten Ägyptens birgt, vermag den Kopf für alles Kommende freizublasen. Denn das Berliner Ägyptische Museum versucht nicht weniger als eine Revolution. Woran bisher weltweit kein Haus sich wagte, macht Direktor Dietrich Wildung während des vierjährigen Probelaufs für das Neue Museum nun vor. Was bislang chronologisch, getreu der aufeinander folgenden Königreiche seine Aufstellung fand, wird im Alten Museum erstmals nach typologischen Prinzipien zusammengefügt. Königsstatuen, Sitz- und Schreitfigur, Schreiber und Kniende, Frauenfigur, Familiengruppe und Porträt lauten die Kapitel.

Die zeitliche Reihenfolge ist gänzlich außer Kraft gesetzt, wenn sich bei den Herrscherbildnissen das Haupt einer Königsstatue aus dem Jahr 2450 v. Chr. unweit des granitenen Konterfeis von Ptolemäus X. befindet, der 2000 Jahre später die Regierungsgeschäfte führt. Dafür wird das Phänomen der ungeheuren Tradition altäyptischer Kunst – gleicher Kopf, gleicher Schmuck, gleiche Haltung über Jahrtausende hinweg – transparent. Zugleich erweist erst die direkte Nachbarschaft die innovative Kraft, die Wirklichkeitsnähe, ja Porträthaftigkeit der Köpfe. „Erfahrungsstudium Ausstellung“ nennt Wildung dieses Konzept in Anlehnung an den jüngst verstorbenen Schweizer Kurator Harald Szeemann.

Effektvoll inszenierte archäologische Ausstellungen stellen zwar kein Novum dar, die Bonner Bundeskunsthalle und der Palazzo Grassi in Venedig führen solches seit Jahren vor. Für die Ägyptologenszene dürfte es trotzdem eine Ungeheuerlichkeit darstellen, dass sich ein Museumsmann mit seiner Dauerpräsentation in erster Linie als Ausstellungsmacher, weniger als klassischer Wissenschaftler geriert. Den im kommenden Jahr scheidende Direktor, der hier nach vierzig Jahren Berufserfahrung seine „summa vitae“ zieht, bekümmert das wenig. Ausstellungen sind das effektivste Transportmittel für Wissen, mehr noch als Buch und Film, hält er entgegen. Die Besucher, eine halbe Million ist jährlich veranschlagt, werden es danken, denn die altägyptische Kunst wirkt im Alten Museum als unmittelbares Erlebnis, nicht als abgestorbene Vergangenheit.

Gleichzeitig kommt das Forscherinteresse nicht zu kurz. Wurde am Charlottenburger Standort noch die Schatzkammer-Finsternis zelebriert, mit dramatischen Spots auf Masken, Schmuckobjekte, Architekturfragmente, so gibt sich das Alte Museum hell und sonnig. Das verbaute Galeriegeschoss wurde auf die Schinkel’schen Räume wieder zurückgeführt, die freigelegten Fenster lassen das Tageslicht herein. Dadurch offenbart sich eine ungeahnte Detailgenauigkeit. Nofretetes Antlitz erscheint plötzlich nicht mehr glatt und glamourös, sondern Falten, ja Augenringe werden sichtbar, bis hin zu leicht eingefallenen Wangen. Eine gereifte Frau mit Charakter präsentiert sich überraschend dem Besucher. Auch die um 2600 v. Chr. aus Rosengranit gehauene Sitzfigur des Metjen zeigt sich von einer anderen Seite. Das bislang kindlich-konturlose Gesicht bekommt im neuen Licht plötzlich die Züge eines Nubiers, die Zweifel an der angenommenen Biografie aufkommen lassen.

Im Alten Museum wirken die Köpfe, Statuen, Sitzfiguren plötzlich wie zum Leben erweckt. Die hölzerne Statue des Per-her-nofret, eine Stand-Schreit-Figur aus der Zeit 2400 v. Chr., scheint sich wirklich zu bewegen. Die angespannten Unterarme, geballten Fäuste, die leichte Drehung von Kopf und Schulter, das vorgestellte linke Bein suggerieren einen realen Schritt, bei dem als Trick die neue Rahmung der Vitrinen nachgeholfen hat. Wie bei Alberto Giacomettis „Schreitenden“ oder Francis Bacons Papstporträts sind die Figuren in ein stählernes Kantengeviert platziert, so dass Räumlichkeit, die Dreidimensionalität, geradezu exzessiv dem Betrachter ins Auge springt. Unversehens beginnen die Objekte zu erzählen. Die 4500 Jahre alte Sitzfigur des Der-senedji und seiner Frau zeigt beide gleichberechtigt nebeneinander. Doch plötzlich fällt die Haltung der Gattin auf: Den rechten Arm um seine Schulter gelegt, schiebt sie den Herrscher regelrecht nach vorn. Hier hat die Frau ganz offensichtlich den aktiven Part inne, verdeutlicht durch eine Geste, die sich bei sämtlichen Paarbildnissen wiederholt und noch einmal die einflussreiche Stellung der Frau in der altägyptischen Gesellschaft beweist.

Ein perfektes Provisorium, ein Langzeitlabor, hat Wildung den Standort Altes Museum genannt. Auf 1200 Quadratmetern – genau der gleichen Grundfläche wie im Charlottenburger Stülerbau, in den nun die Surrealisten-Sammlung Scharf-Gerstenberg einziehen wird – macht er den Testlauf für das dreimal so große Neue Museum mit gleicher Deckenhöhe und Lichtverhältnissen. Der Sammlung ist der zusätzliche Platz nur zu wünschen, denn insbesondere im westlichen Flügel sind die Riesenkapitel Kulturgeschichte, Papyrussammlung, Jenseitswelt und Götterolymp äußerst knapp angerissen. Für den sehr großzügig bemessenen Museumsshop wurde ein ganzer Ausstellungssaal geopfert.

Trotzdem steht weit mehr Platz als im Vorgängerbau für die Themenbereiche Niltal, Landwirtschaft, Wohnkultur, Kosmetik zur Verfügung. Auch hier rückt die Vergangenheit durch die Alltagsobjekte nah an die Gegenwart heran. Sandalen, Klappstuhl, Schreiberinstrumente sind in einer Großvitrine arrangiert; daneben befindet sich ein Grabrelief, das genau jene Requisiten wie auf einer Bühne im Einsatz zeigt. Leben und Tod bilden eine unauflösbare Einheit. Die Lebhaftigkeit, ja Munterkeit, mit der die zwanzig Augenpaare von der saalhohen Mumien-Wand auf den Betrachter blicken, sind ein beredtes Zeugnis. Für Wildungs Vision eines verlebendigten Museums steht auch das Modell vom Nil-Verlauf, an dessen Ufern als Statuetten all die Gottheiten Altägyptens in verwirrender Anzahl und Vielfalt Aufstellung bezogen haben: Götter in Menschen- und zugleich Tiergestalt, versehen mit kosmischen Symbolen, darüber thront das Relief des Schutzgottes Tutu.

Und wieder ist dieses Abbild nur einen Wimpernschlag von unserer Gegenwart entfernt. Von den alten Ägyptern haben auch wir den Glauben an den einen Gott. Echnaton, Nofretetes Mann, führte vor 3000 Jahren das monotheistische Weltbild ein. In Abgrenzung zum alten Jenseitsglauben rückten darauf auch die Porträtköpfe immer dichter an die Wirklichkeit. So nah, wie Nofretete uns noch heute zu sein vermag.

Altes Museum, Am Lustgarten, täglich 10 bis 18 Uhr, donnerstags bis 22 Uhr. Der Kurzführer (Prestel Verlag, München) kostet 9,95 Euro.

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