Kultur : Königin Victoria: Englands Gloria

Jörg von Uthmann

Bismarck nannte sie einen "fidelen, kleinen Proppen". Wir denken, wenn von Queen Victoria die Rede ist, eher an die strenge Witwe in Schwarz, die jahrzehntelang um ihren geliebten Prinzgemahl trauerte und die Füße von Konzertflügeln verhüllen ließ, um die Zuhörer von unkeuschen Gedanken abzuhalten. Ob die Queen wirklich so prüde war wie das Bild, das sich die Nachwelt von ihr macht, darf bezweifelt werden. Das viktorianische Zeitalter (1837-1901) - mit der möglichen Ausnahme von Pepi II., dem letzten Pharao des Alten Reiches, die längste Regentschaft der Geschichte - war widerspruchsvoller als das Klischee von den sittenstrengen Eiferern, die nicht nur Oscar Wilde gerichtlich verfolgten, sondern auch die Verfasser von Schriften über Empfängnisverhütung. Premierminister Gladstone, der Inbegriff des "viktorianischen" Saubermanns, verbrachte auffallend viel Zeit bei Prostituierten - um sie zu bekehren, wie er sagte. Auch die trauernde Königin scheint sich mit ihrem schottischen Jagdgehilfen John Brown ganz gut getröstet zu haben. Ihr Sohn "Bertie", der spätere König Edward VII., war ein notorischer womaniser. Ihr Enkel "Eddy" wird sogar verdächtigt, der nie identifizierte Sexualmörder im Londoner East End, Jack the Ripper, gewesen zu sein.

Widersprüche gab es nicht nur zwischen verkündeter und praktizierter Moral. Während eine Innovation die andere jagte, träumte sich das Zeitalter in eine ferne Vergangenheit zurück: Eisenbahnen, der letzte Schrei der Technik, liefen in gotischen Bahnhöfen ein. Während die britische Industrie die Weltmärkte eroberte, beschrieb Charles Dickens die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen und die Slums, in denen die Erzeuger des industriellen Reichtums hausten. Der Glaube an die Allmacht der Wissenschaft kannte keine Grenzen. Zugleich erlebten Christentum, Spiritismus und alle möglichen esoterischen Geheimlehren einen erstaunlichen Aufschwung. Grenzenlos war auch die Liebe zu Hunden und Pferden: Der erfolgreichste Künstler seiner Zeit und Liebling der Queen war der Tiermaler Edwin Landseer. Mit den Eingeborenen, die es wagten, sich der Ausbreitung des britischen Kolonialreichs zu widersetzen, machte man dagegen kurzen Prozess.

Das Victoria & Albert Museum, 1852 eröffnet und das größte Kunstgewerbemuseum der Welt, ist genau der richtige Ort, um den Geist der Epoche heraufzubeschwören. Wie man sie präsentiert - darüber lässt sich allerdings streiten. Das V & A hat sich für die Schokoladenseite entschieden. Die sozialen Konflikte und die Hungersnöte, die Hunderttausende von Iren nach Amerika trieben, werden nur gestreift. Die Fabian Society, Keimzelle der Labour Party, kommt überhaupt nicht vor. Die Ausstellung will die Errungenschaften zeigen, zu denen sie auch die Eroberung des Weltreichs zählt.

Bückling für die Bibel

Im politisch korrekten Amerika hätte "Das Geheimnis von Englands Größe", ein Bild von Thomas Jones Barker, vermutlich Anstoß erregt. Dargestellt ist ein prächtig gekleideter schwarzer Häuptling, der mit einem tiefen Bückling aus der Hand der Königin die Bibel entgegennimmt. In London beschränkt sich der Katalog auf den knappen Kommentar, das Verhältnis zu den Kolonialvölkern sei "paternalistisch, manchmal auch herablassend" gewesen. Von der beißenden Ironie, mit der Lytton Strachey die "Eminent Victorians" auf die Schippe nahm, ist man weit entfernt. Immerhin erlaubt die Inszenierung, die viktorianische Selbstsicherheit mit Humor zu nehmen: Die Räume sind wie ein Luxusdampfer hergerichtet. An den Rettungsringen ist der Schiffsname abzulesen: "S. S. Splendid Isolation".

Die erste Abteilung ("Royalty") empfängt den Besucher mit imperialer Musik. Nachdem er sich am Anblick der "Gliedmaßen königlicher Kinder (Marmor)" gestärkt hat, entdeckt er ein Bild des Hofmalers der europäischen Fürstenhäuser, Franz Xaver Winterhalter. Es stellt Victoria, Albert und Arthur, ihr siebtes Kind, als Heilige Familie dar; der davor kniende Patenonkel Lord Wellington spielt den Part der Heiligen Drei Könige.

Die zweite Abteilung ("Society") unterrichtet über Häuslichkeit und Familie, die wachsende Bedeutung des Sports und "the new women", die Vorläuferinnen der Suffragetten, die nicht nur ein Anhängsel der Männer sein wollten. Einige ausgesucht scheußliche Möbelstücke belegen überzeugend die Geschmacklosigkeiten, zu denen die Viktorianer fähig waren. Aber auch die Gegenbewegung, das Arts and Craft Movement, kommt zu ihrem Recht, ebenso ein anderes, für das Zeitalter charakteristisches Gegensatzpaar - die Popularisierung des Weihnachtsfestes und der Darwinismus. Die eugenischen und rassistischen Weiterungen der Theorie, personifiziert etwa durch Darwins Vetter Francis Galton und Richard Wagners Schwiegersohn Houston Stewart Chamberlain, werden dagegen ignoriert.

"The World" präsentiert anhand von Kultobjekten, Kunst und Kunstgewerbe die außereuropäischen Teile des Weltreichs und das Gegenlicht, das die Kolonisierten auf die Kolonisatoren zurückwarfen. Hier ist auch der Erinnerungsort für die Weltausstellungen, deren erste (1851) auf Alberts Initiative zustandekam: Sie war nicht nur ein Riesenerfolg, sondern auch ein glänzendes Geschäft. Die letzte Abteilung ("Technology") feiert die medizinischen und technischen Triumphe der Epoche. Eisenbahnfreaks und Liebhaber elektrischer Haushaltsgeräte dürfen sich am Anblick schöner Dinosaurier weiden. Über Kopfhörer werden "Eminent Victorians" wie Gladstone oder Florence Nightingale wieder lebendig, aber auch Operetten von Gilbert und Sullivan und die Blaskapelle der königlichen Leibhusaren.

Eine andere technische Errungenschaft verrät, dass der schlechte Ruf des Zeitalters nicht gänzlich unverdient ist. Zwischen Toastern und einer Elektrisiermaschine für Wahnsinnige ist ein Keuschheitsgürtel für Männer zu entdecken: Der Metallschild mit gekrümmter Tülle, straff vor den Unterleib geschnürt, sollte verhindern, dass Knaben Hand an sich legten, was nach der vorherrschenden Überzeugung die sichere Zerrüttung von Körper und Geist nach sich zog.

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