Kultur : Königsberger Klapse

Der Künstler als Kotzbrocken: Andrei Nekrasovs „Königsberg“ an der Berliner Volksbühne

Peter Laudenbach

In Robin Detjes vor kurzem erschienener Biographie des Theater- und Lebenskünstlers Frank Castorf kann man nachlesen, wie das junge Genie seine Tage und Jahre auf dem Sofa vergammelt hat. Den ganzen Tag im Bademantel in der unaufgeräumten Bude rumsitzen, ausgiebig fernsehen und große Reden über die Kunst, das Theater und die Politik halten, so etwa sieht die Phase aus, in der der kleine Junge langsam und zäh zum autarken Subjekt reift, ein Existenzautonomer, den nichts und niemand korrumpieren oder auch nur beeindrucken kann. Unter dem Vorwand, ein Stück über Russland und Deutschland, über Rainer Werner Fassbinder und Immanuel Kant, über notgeile Stadttheaterregisseure und verzweifelte Jungschauspielerinnen, über KGB-Agenten, Hitler, Marx, die Russenmafia, den Krieg in Tschetschenien und den Rest des zwanzigsten Jahrhunderts zu inszenieren, hat der russische Filmregisseur Andrei Nekrasov an der Berliner Volksbühne ein Porträt des Künstlers als junger Mann gezeichnet.

Milan Peschel, der zweitbeste Castorf, den es je gab, vertrödelt unter dem Codenamen „Rainer“ seine Jugend auf einem bunten Sofa. Über der Toilette hängt ein Kinoplakat, auf dass man beim Urinieren Jim Jarmusch nicht vergisst („Down by Law“), am Kühlschrank klebt ein riesiges Foto von Rainer Werner Fassbinder, so dass sich auch der Name des sofagammelnden Jungregisseurs in die Geistesgeschichte einreihen lässt. Er dressiert seine Freundin (hübsch und blond und nicht viel mehr: Patrycia Ziolkowska), er träumt davon, Kleists „Marquise von O.“ als Film in Königsberg zu inszenieren („die Vergewaltigung müssen wir noch proben“), er schwadroniert über eine deutsch-russische Allianz gegen die kulturlosen Amerikaner, aber vor allem erprobt er das Gefühl, sich an sich selbst zu berauschen.

Mit fettigen Haaren, fiebrig coolem Blick und lässig braunem Cordanzug gibt er den Straßenköter als wilden Mann, und seltsamerweise sieht man ihm bei diesen präpotenten Spielen sehr gerne zu. Das liegt vermutlich daran, dass Milan Peschel die Komik seiner Figur auskostet, ohne sie zu denunzieren. Trocken setzt er die Brüche und das Umschlagen von euphorischen Reden in leise Depression,von herrischem Raunzen zu ratlosem Grummeln.

Am Ende, als ihm ein zwielichtiger Freund (Fabian Hinrichs) erzählt, er könne seinen Film jetzt doch noch drehen („Jetzt hast Du endlich Verantwortung“), reagiert das Sofagenie mit einem zutiefst irritierten Blick: Die schönen Jahre sind vorbei. Der Künstler ist ein Kotzbrocken, aber immerhin einer, der sich auch über sich selbst nichts vormacht.

Da stört es auch nicht weiter, dass um diese Junggenieerscheinung eine konfuse Story abläuft und im Hintergrund plakative Filme von Hitler bis Putin zu sehen sind. Der Plot ist so simpel wie beliebig. Einen russischen Geheimdienstagenten (Samuel Finzi, ein guter Stadttheaterpräzisionstechniker) hat es nach Berlin verschlagen, Rainers Freundin fängt ein Verhältnis mit ihm an, seine früheren Geheimdienstkollegen wollen ihn umlegen und Rainer würde gerne einen Film über dieses Durcheinandermachen. Dazu rotiert die Drehbühne (Bühne: Barbara Steiner), ausschweifende Reden durchpflügen die europäische Geistesgeschichte von Kant bis Marx und zurück, Hendrik Arnst als verkommene Kulturbetriebsleiche sorgt für kabarettistische Einlagen und am Ende sind ein paar Träume zerplatzt. Der Abend ist schwindelerregend überladen und gleichzeitig sehr lässig, er ist eine Zumutung, aber eine Zumutung, die Spaß macht.

Wieder am 21. und 27. 12.

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