Kultur : Können Frauen malen?

Das Geschlechterverhältnis in einem neuen Lexikon ist 1 : 10

Peter Herbstreuth

Nichts liebt die Kunstwelt so sehr wie Listen. Mit „Vitamin P. New Perspectives in Painting“ gibt es nun eine neue Aufstellung der Besten , die den Focus auf die junge Malergeneration richtet. Bereits 1999 hatte der Taschen-Verlag mit der Hitliste „Art at the Turn of the Millenium“ einen Bestseller gelandet, weil er nicht nur eine Behauptung zu momentan maßgeblichen Künstlern aller Sparten aufstellte, sondern auch ein neues Format zum Blättern kreierte. Seither blieben die Konkurrenzbücher des Genres im eigenen Verlag. Die sogleich nachgeschobenen „Künstlerinnen im 20. Jahrhundert“ und „Art Now“ bestätigten indes, dass der Horizont zu eng aus den Blickpunkten Kölns und Berlins, den Wohnorten der Herausgeber, erfasst wurde. Jetzt hat der Londoner Phaidon Verlag unter der Herausgeberschaft von Valérie Breuvart mit „Vitamin P“ eine Ergänzung vorgelegt: 114 jüngere Malerinnen und Maler aus aller Welt.

Die Herausgeberin wählte nicht alleine aus, sondern in Kooperation mit 70 Kuratoren und Kritikern – von Daniel Birnbaum und Francesco Bonami über Isabelle Graw und Catherine Millet bis Hans Ulrich Obrist, Nancy Spector und Harald Szeemann. Das Layout orientiert sich am Vorbild von Taschen, druckt aber die Texte in so kleiner Schrifttype, dass man eine Lupe braucht. Offensichtlich ist für den Verlag die Deutung nebensächlich. Dafür erscheinen die Bilder großzügig und farbstark.

Fasst man das Unternehmen olympisch auf, führen die USA mit 23 Malern die Liste an, gefolgt von Deutschland mit 17 und Großbritannien mit 15 Nominierungen. Überraschend ist, dass die zahlreichen Maler aus China, die seit zehn Jahren international auftreten, nur mit drei Namen dabei sind (Yan Pei-Ming, Ding-Yi, Tou Tie-Hay) – ebenso wie Indien, Japan, Dänemark, Slovenien. Dieses Zurückdrängen schwächt die Autorität der durchaus diskutablen Auswahl. Aus Berlin und dem Rheinland erscheinen die Heroen der jungen Garde: Ackermann, Althoff, Havekost, Kahrs, Majerus, Rauch, Richter, Scheibitz, Skreber – aber mit Pia Fries und Katharina Grosse nur zwei Künstlerinnen. Kann das sein? Gibt es nicht mehr Malerinnen, die sich neben Peyton, Morris, Kilimnik sehen lassen können? Nach dem Befund der Ratgeber bleibt die Malerei ein Männermedium mit dem Verhältnis 1:10. Dies entspricht zwar auch der Beteiligung an aktuellen Malerei-Ausstellungen, wirkt aber neben dem topografisch breiten Horizont, den die beiden letzten Documenten eröffnet haben, wenig innovativ.

Vitamin P. New Perspectives in Painting. Valérie Breuvart (Ed.). Phaidon Verlag, London 2002, 352 Seiten; 69,95 Euro .

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