Kultur : Könnten Sie das bitte nochmal leiser sagen? Walfische im Konzerthaus:

zum Abschluss des Berliner „Ultraschall“-Festivals

Ulrich Pollmann

Wie ein Walfisch schleift Sebastian Clarens „Charms:Dub“ durchs Konzerthaus. Das Rundfunk Sinfonieorchester Berlin setzt unter der Leitung von Lucas Vis den markanten Schlussstrich unter ein durchgehend gut besuchtes, aber mit Höhepunkten nicht überreich gesegnetes „Ultraschall“-Festival 2005. Die komplex mäandernden Innereien, die unter der speckigen Hülle von Clarens Stück schimmern , hätte man allerdings gerne etwas durchsichtiger zu hören bekommen.

Adriana Hölszkys „on the other side“ mag vielen wie ein außer Rand und Band geratener Kinderspielplatz erscheinen, das Stück sprüht nur so von ungebärdiger farbiger Energie. Aber es ist letztlich die Vielfalt der klanglichen Details, die mitreißt. Bei aller Turbulenz, die das Stück prägt, und dem in den Klangstrudel gestellten Solistentrio (hingebungsvoll: Beate Zelinsky, David Smeyers und Stephan Husong) enorme Selbstbehauptungskräfte abverlangt: Was Hölszky da an messerscharf zugespitzter Klanglichkeit zeigt, sucht seinesgleichen. Die zahllosen rhythmischen Akzente sind eben nicht nur laut und knallig, wie man sie bei Birtwistle oder Turnage bis zum Überdruss hören konnte. Die Klangfarben, die sie immer wieder neu erfindet, irritieren selbst erfahrene Hörer, lassen verdutzt nach elektronischen Hilfsmitteln Ausschau halten.

Bernd Alois Zimmermanns „Stille und Umkehr“, 1970 kurz vor seinem Freitod entstanden, schafft zum Schluss den denkbar größten Gegensatz: Ein skeletthaft ausgedünntes Orchester präsentiert einen aus wenigen schlichten Elementen gewobenen Satz, es ist eine Studie der Lösung und Auslöschung. Schön, ein Festival so ausklingen zu lassen.

Gemischt fällt die Bilanz beim Festivalschwerpunkt England aus. Dass Mark-Antony Turnage schwer zu ertragen ist, hat uns ja schon Simon Rattle beigebracht. Interessanter ist Jonathan Harvey, der zunächst mit einem sehr harmlosen Frühwerk von 1970 zu hören war. Später zog es ihn nach Paris zu Pierre Boulez, und das hat ihm offenkundig gut bekommen. In seinem vom BSO erstaufgeführten Schlagzeugkonzert treiben das Orchester und der über Marimba- und Vibraphon jagende Solist László Hudacsek sich gegenseitig nach vorne, stauen Energie, lassen Klänge vibrieren und Farben gleißen. Ohne Frage hat Harvey einen Hang zum Dekorativen, aber auf diesem Niveau lässt man sich das gerne gefallen.

Jennifer Walshe hingegen markierte den Tiefpunkt des Festivals: Sie mag symphatisch sein, wenn sie wie ein ehrgeiziges Schulmädchen schnurstracks auf die Bühne eilt, und als Vocalperformerin geht sie noch so gerade durch. Kompositorisch hat sie nur eine billige Mischung aus Cage-Anleihen und Pseudo-Dada zu bieten. So wird Walshe zum Paradigma einer Szene, in der jeder, der einmal gefördert wurde, über Jahre weitergereicht wird, egal, welchen Unfug er treibt.

Das interessanteste Kammermusikprojekt des Festivals kam von der deutsch- polnischen Werkstatt für neue Musik. Nur langsam wachsen Brücken kultureller Verständigung, die deutsch-polnische Werkstatt steht auch in Zusammenhang mit Austauschprojekten politischer und sozialer Natur. Neben hervorragend interpretierten Klassikern wie Stockhausens „Kontra-Punkte“ und Boguslaw Schaeffers „tentative music“ konnte das Ensemble unter der Leitung von Rüdiger Bohn auch mit Neuem aufwarten: Mit „Swamp Forest“ ist der slowakischen Komponistin Larisa Vrhunc eine ganz feinsinnige Studie gelungen. Säulenhafte, an Bäume gemahnende Stabilität auf morastigem, die Stabilität gefährdenden Grund assoziiert sie, und verwebt ihre Assoziationen zu wunderschönen Intensivklängen.

Jonathan Harvey suggeriert in „Wheel of Emptiness“ die Dialektik von Leerlauf als Folge von Geschäftigkeit und Leere, als Zu-sich-Kommen im buddhistischen Sinne. Ein Thema, das in Neue-Musik- Festivals aktueller ist, als er vielleicht ahnt. Bleibt der deutsch-polnischen Werkstatt zu wünschen, dass sie ihre Arbeit fortsetzen kann. An Hörern wird es ihr nicht mangeln.

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