Köpenicker Rapper Romano : Das Paradies liegt unten rechts

Klaps und Kutte: Rapper Romano mag auch Metal, Pop und Schlager. Jetzt erscheint sein Album „Jenseits von Köpenick“. Ein Treffen.

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Der Köpenicker Rapper Romano, 38.
Der Köpenicker Rapper Romano, 38.Foto: Virgin Records

Mittags um zwölf in Kreuzberg: Die Frisur sitzt. War auch nicht anders zu erwarten, schließlich sind die Haare sein Markenzeichen. Zwei geflochtene Zöpfe, die rechts und links vom Kopf über die Schultern hängen. Dazu trägt er schwere Goldketten um den Hals und ein schwarzes Unterhemd, für das in Hip-Hop-Kreisen die Bezeichnung wife beater kursiert, also Frauenschläger.

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Romano ist alles andere als ein aggressiver Typ, ganz im Gegenteil. Er begrüßt seine Gesprächspartnerin überaus höflich mit einem entschlossenen Händeschütteln, der etwas altmodischen Anrede „Lady“ und einem breiten Grinsen. Das muss an dieser Stelle explizit hervorgehoben werden, denn um Begrüßungsrituale wird es später noch gehen.

Zunächst geht es an diesem Montag aber ums Wachwerden. Romano hat ein anstrengendes Wochenende hinter sich, er ist auf einem großen Festival aufgetreten, und dieser Auftritt steckt ihm jetzt, im Büro seines Managers, noch in den Knochen. Deshalb muss ganz dringend ein Wachmacher her. „Ich bin ein Koffeinjunkie“, bekennt er und organisiert sich erst mal drei Dosen eines Energy-Drinks. Er nimmt ein paar Schlucke, und gleich geht es ihm viel besser. Behauptet er zumindest.

Schon skurril dieser Romano, der mit bürgerlichem Namen Roman Geike heißt. Aufgewachsen in Berlin-Köpenick und jetzt mit seinen 38 Jahren das, was man gemeinhin einen Newcomer nennt. Vor einem halben Jahr veröffentlichte er ein Video, mit dem ihm in den sozialen Netzwerken ein unerwarteter Hit gelang. In „Metalkutte“ lief er in einer goldenen Collegejacke durch triste Plattenbaulandschaften und tanzte eigenwillig im hautengen Teufelskostüm. Zu knochentrockenen Elektro-Beats rappte er über ein mit Aufnähern von Lieblingsbands verziertes Kleidungsstück: „Check mal meine Patches, heute ist Konzert?/ Guck mal wie sie starren, auf mein Meisterwerk / Ich und meine Kutte, Blackmetalkutte/ Thrashmetal-, Deathmetal-, Heavymetalkutte.“ Das Stück irritierte. Was, bitte schön, soll das denn sein? Metal-Rap, Elektro-Hip-Hop, Satans-Pop. Das Netz war ratlos.

Er trat als Schlagersänger in Bierzelten und bei Dorffesten auf

Eine Antwort liefert nun Romanos Album „Jenseits von Köpenick“, das diesen Freitag erscheint. Es gibt einen Einblick in seine musikalische Sozialisation und seine künstlerische Biografie. Es offenbart seine Affinität zu West-Coast-Rap, elektronischen Beats, Metal, Pop und – jawohl! – deutschem Schlager. Kein Scherz. Lange Zeit sang Romano glücksschwangere Texte zu gediegenen Harmonien. Die lieferte ihm sein Produzent und Kumpel Jan Driver. Zusammen traten sie in Bierzelten und auf Dorffesten in Thüringen auf. Ein großer Spaß, versichert Romano mit leuchtenden Augen. Man will ihm in diesem Moment Ironie unterstellen. Aber spätestens wenn der Sänger betont, in ihm steckten viele musikalische Persönlichkeiten, ahnt man, dass man falsch liegt. Und dass einer wie Romano nicht in klassischen Schubladen denkt.

Das fällt gleich beim Eröffnungsstück der Platte auf, es trägt den Titel „Köpenick“. „Guck mal auf den Stadtplan, Berlin rechts unten / nur ’n kurzer Blick, schon hast das Paradies gefunden“, rappt Romano. Die liebevollen Zeilen, die dann folgen, stehen im krassen Gegensatz zu den surrenden, coolen Beats, die man eher von amerikanischen Westküsten-Hip-Hoppern erwarten würde. In dem Stück geht es um den Bezirk, in dem Roman Geike aufgewachsen ist und bis heute lebt. Gern hätte man ihn dort getroffen. Zu einem kleinen Rundgang, um sich „die grüne Insel direkt am Rand“ von ihm persönlich zeigen zu lassen. Margittas Imbiss, von dem er in dem Lied schwärmt. Das Einkaufscenter mit den grau melierten Bräuten, das beste Nagelstudio und das stärkste Solarium. Doch es klappt zeitlich nicht. Zu viele Termine dieser Tage. Deshalb sitzt man nun also in Kreuzberg.

Früher sang Romano in einer Rockband

„Ich fahr’ eh jeden Tag in die Stadt“, sagt Romano. Klingt, als sei Köpenick ein weit entferntes Dorf. Eher Provinz als Großstadt, dieser Eindruck vermittelt sich zumindest in seinen Texten. Und glaubt man Geike, stimmt das auch. „Köpenick, das ist für mich Erdbeerkuchen mit Schlagsahne, Kaffee und Sekt dazu.“ Das sah man bereits vor zwei Jahren. Im Video seines Kumpels Siriusmo saß er mit älteren Damen zusammen und schaufelte sich genüsslich Torte in den Mund. Apropos Siriusmo: noch so ein Köpenicker. Und mittlerweile ein erfolgreicher Elektro-Künstler, der gerade erst mit Modeselektor auf Tour war. Mit ihm hat Romano einen Großteil seines Albums produziert. Die beiden kennen sich seit Mitte der neunziger Jahre.

Mal scheppert seine Stimme, mal säuselt sie süß

Damals absolvierte Roman Geike eine Ausbildung zum Mediengestalter. Musik lief als Hobby nebenbei. Er war erst Sänger einer Rockband namens Maladment, begeisterte sich später für Drum ’n’ Bass. Als MC Ramon rappte er englisch und trat in Polen und Tschechien auf. Künstlerisch experimentierte er in jener Zeit viel mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Das kommt ihm heute beim Rappen zugute. Manchmal schleppt sich seine Stimme schwer und träge durch die Stücke, dann wieder schnell und überdreht. Und manchmal säuselt sie süßlich wie in dem Lied „Romano & Julia“.

„Bei meinem jetzigen Projekt habe ich das Gefühl, angekommen zu sein“, sagt Romano. Das klingt auch in „Immun“ durch, dem letzten von insgesamt 13 Stücken auf „Jenseits von Köpenick“. Darin heißt es: „Guck mich an, ich mach mir kein’ Kopf / Hand im Schritt, rechts und links ’nen Zopf (…) ich brauch’ kein Gold, ich brauch’ keine Krone, ich kann auch ohne, ich brauche Zeit.“

Zeit. Knapp 20 Jahre brauchte es, bis Romano künstlerisch der wurde, der er heute ist. Ein Rapper mit Faible für Schlager. Ein Black-Metal-Fan mit Sinn für Humor. Integration statt Distinktion. Alle sind willkommen und werden umarmt. Und bekommen einen „Klaps auf den Po“, wie im gleichnamigen Stück über Begrüßungsrituale. „Kein Bock auf große Gesten / Ich will kein’ Handschlag / All deine Fingerzeichen sind bei mir nicht angesagt“, rappt Romano und bekennt: „Alle meine Freunde krieg’n ’nen Klaps auf den Po.“ Er macht das tatsächlich so.

Nach knapp anderthalb Stunden ist das Gespräch beendet. Der nächste Interviewpartner wartet draußen, Romano verabschiedet sich. Man will ihm die Hand reichen, doch er umarmt einen herzlich. Einen kurzen Moment befürchtet man, gleich seine Hand auf dem eigenen Hintern zu spüren. Doch da verlässt er den Raum schon. Der Tag hat für Romano gerade erst begonnen.

„Jenseits von Köpenick“ erscheint am Freitag, 11.9., bei Virgin Records. Am selben Tag findet im Lido eine Record Release Party statt. Am 11. Oktober tritt Romano im SO 36 auf (ausverkauft).

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