Kultur : "Köpfe aus der Hutfabrik": Jenseits von Krach

Thea Herold

Klaus Spermanns Galerie gilt gewissermaßen als Geheimtipp - schließlich lädt er nur zwei mal im Jahr zu Ausstellungen ein. Die aktuelle Offerte nennt sich "Köpfe aus der Hutfabrik": Zeichnungen und Skulpturen aus Basalt und Granit von Matthias Jackisch. Die Plastiken wurden buchstäblich in Sand gebettet und auf hohen, schlanken Podesten platziert. Aus der Entfernung wirken die schwarzen Steine zurückhaltend, fast bescheiden. Aus mittlerer Distanz sind sie solide und im besten Sinne traditionell. Aber von nahem werden sie unverschämt, eigensinnig, atemberaubend, und der Zeit gemäß.

Der Bildhauer hat zum Teil ganz filigran modelliert, zum Teil den Granit brutal entlarvend grob belassen. Schwarze Steine wahren ihr Geheimnis und seines mit. So trägt ein Profil den lapidaren Titel "Dante" (Basalt, 1999, 16 000 Mark). Nur das Gesicht, abgehoben als Relief, wie ein Streiflicht für Dantes Hüllenwort: "Ihr, die ihr eintretet, lasset alle Hoffnungen fahren." Dabei sind Jackischs finstere Momente kalendarisch schon ein paar Jahre her. Jener Punkt, an dem er in Berlin seine Zelte abbrach, und sich aufs Land zurückzog. Eine ausrangierte Hutfabrik, schon jenseits der Dresdner Stadtgrenze gelegen, dient ihm nun als Bildhaueratelier, Zeichnungslaboratorium, Dichterstube, Bibliothek, Druckwerkstatt und Lager. Hier wachsen seitdem seine künstlerischen Wurzeln, auch wenn er weiter wie ein Nomade reist: Nach London, Quebec, Ciapa de Corso in Mexico oder ins italienische Almalfi führten ihn zuletzt internationale Performancetreffen oder Skulpturenprojekte. Aber weil Jackisch performative Skulpturen macht oder skulpturale Performance, bleibt der Anlass im Grunde gleich. Dazwischen liegen immer wieder bewusste Phasen der Abgeschiedenheit, in denen seine inneren und äußeren Reisen in Form gerinnen können. "Landleben / für Querner & da Vinci" (1080 Mark) nannte er eine Mischtechnik, mit der er Seitenblicke in die Schattenspiele unseres Alltags fixiert. Auf anderen Blättern treten Feuerpferde auf, weiße Amseln, die Seeadlerin, der Tanzfisch oder die Löwin in Gold auf Chinapapier. Eine Wortspur findet sich oft am Grunde der Blätter, wie ein Ritz aus dem Tagebuch, wie eine Balancierstange, die man sich nehmen kann, aber nicht muss. Alles, was dieser Künstler beginnt, ist Prozess einer Performance. Manchmal gräbt er das Echo kompakt in Steine, manchmal atmet er es auf hauchdünne Papiere. Der Tenor bleibt gleich.

Letzten Sommer saß er achtundzwanzig Stunden ohne Pause mit dem Pianisten Armin Fuchs auf einer Bühne. Wobei am Klavier die berühmt-berüchtigten "Vexations" von Satie erklangen und Jackisch dazu quälerisch still auf einem Sessel saß, zuhörte ohne Ablenkung durch Essen oder Schlafen und dabei sein kippelndes Sitzmöbel stoisch ausbalancierte. Augenzeugen hielten sein Gleichgewicht lange für eine optische Täuschung. Aber es gab keinen Trick. Das scheinbar Unmögliche gelang Jackisch dank seiner Kunst die Lasten auszugleichen. Das ist Jackischs Begabung und gleichzeitig eigenes Lernfach. Von Anfang an war er danach auf der Suche. Er experimentierte schon damals mit der Balance zwischen Papieren und den Steinen. Seine frühen Arbeiten sind heute schon ebenso kostbar wie beinahe vergessen. Dabei hat er einfach weitergemacht. Und wurde fündig. Jenseits von Krach.

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