Kultur : Körper auf Entzug

Elettra de Salvo ergründet bei „Tanz im August“ die männliche Sexualität

Kirsten Wächter

Vor sich hat sie eine ganze Mannschaft. Elf durchtrainierte Jungs, in bester körperlicher Verfassung. Eine gute Voraussetzung, lange, intensive Blicke auszuhalten. Und Elettra de Salvo schaut sehr genau hin, in dieser alten Turnhalle, deren Boden bei jedem Schritt zu quietschen droht, die konzentrierte Ruhe dieses Try Outs stören würde. Klein und behende läuft die Schauspielerin und Theaterwissenschaftlerin die liegende Männerreihe ab, registriert, dass einer der Männer am Ellbogen blutet.

Später wird sie sagen, auch wenn einigen Anwesenden das rote Blut vor der schwarzen Wand gefallen habe, das sei es nicht, was sie wolle. Jetzt, inmitten ihrer elf jungen Tänzer, wirkt ihr kleiner, zarter Körper fast ein bisschen zerbrechlich, und angesichts der kritischen Blicke der anwesenden Veranstalter des Festivals „Tanz im August“ kann sie eine gewisse Anspannung nicht verbergen.

Auf die Einladung des Tanzfestivals hin wird die Bewegungsstudie „Autoreverse – solo for 11 men“ von Elettra de Salvo im Rahmen des größten deutschen Tanzfestivals, das alljährlich in Berlin stattfindet, uraufgeführt werden. Neben hochrangigen Künstlern aus den Bereichen Tanz und Performance finden hier Neuentdeckungen wie die Choreografin Simone Aughterlony den Raum für ihre ersten Arbeiten. In diesem Jahr sorgt ein Wechsel in den Reihen der Verantwortlichen des Festivals für eine besonders gespannte Erwartungshaltung. Matthias Lilienthal löste Nele Härtling ab: Welches Profil wird der neue Leiter dem Festival wohl verleihen?

In Zeiten der Metrosexualität erlaubt sich derweil Elettra de Salvo, die selbst als Performerin etwa mit Felix Ruckert zusammenarbeitet, in ihrer Bewegungsstudie mit einem ungewöhnlichen Konzept nach Männlichkeit zu fragen. Wie sie konstruiert wird, wo die Geschlechtergrenzen liegen könnten, wie Männlichkeit aufgeführt wird. In Zusammenarbeit mit dem Choreografen Paul Gazzola, der im Rahmen des Festivals auch einen Feldenkrais-Workshop leiten wird, und mit elf jungen Tänzern auf der Bühne, darunter Jochen Roller, ist eine konzentrierte Arbeit entstanden. „Autoreverse“ findet in der Horizontalen statt und entzieht den Tänzern buchstäblich den Boden unter den Füßen, beobachtet, was passiert, wenn die aufrechte Position versagt bleibt, dem Tänzer wie dem Mann.

Wie auch im ersten Teil der Trilogie, der Performance „Out of order – Wenn die Löcher im Körper 9 oder 10 sind“ (2000), in der sich de Salvo in konfrontativer Weise mit weiblicher Sexualität befasste, ist eines ihrer zentralen Themen der Entzug. Entzug der Wahrnehmung zum Beispiel. Als ästhetisches Prinzip wählt sie erneut das der Trennung: des Raumes und der Tänzerkörper.

Dabei reduziert sie ihre Arbeiten auf das Wesentliche. „Autoreverse“ hat streckenweise meditativen Charakter, der sich explosiv entlädt, zunächst synchron rhythmisiert, dann in wilden Drehbewegungen über den Rücken, von einem auf den anderen Arm geworfen, langsam auspendelnd.

„Tanz im August“ beginnt am 12.8., Infos unter www.tanzimaugust.de; „autoreverse“ von de Salvo hat am 15.8. Premiere.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben