Kultur : Körperberge

Henri Laurens, Fritz Wotruba: Zwei Klassiker der Skulptur zu Gast in der Galerie Wolfgang Werner

Michael Zajonz

Zwei Geistes- und Formverwandte, über eine heiß umkämpfte Generationsgrenze hinweg. Das magische Jahr 1900 trennt Henri Laurens, geboren 1885 in Paris, und Fritz Wotruba aus Wien, Jahrgang 1907, nicht wirklich. Zudem sind beide in Deutschland noch immer nicht so bekannt, wie sie es angesichts ihrer Bedeutung für die Entwicklung der modernen Skulptur eigentlich sein müssten.

Laurens hat man dank des jahrzehnte- langen Engagements des Galeristen Dieter Brusberg in Berlin immerhin zur Kenntnis genommen. Eine Kenntnis übrigens, die seit dem Sommer in der Sammlung Scharf-Gerstenberg im östlichen Charlottenburger Stülerbau aufs Schönste bestätigt wird. Der 1975 gestorbene Wotruba hingegen, obwohl in Österreich gewissermaßen weltbekannt, gilt hierzulande noch immer als Geheimtipp.

Wie nützlich und nötig, dass die Bremer Kunsthandlung Wolfgang Werner nun endlich Laurens und Wotruba gemeinsam in ihrer Berliner Dependance zeigt. Eine Ausstellung von insgesamt nur zehn Skulpturen und zwei Reliefs: Konzentrierter ist es kaum denkbar. Vorrangig aus einer Schweizer Privatsammlung bezieht Werner sein Material – was sich in seriösen Provenienzen und von den Künstlern autorisierten Güssen niederschlägt. Wollte man es tagespolitisch ausdeuten: real stuff in ökonomisch unsicheren Zeiten.

Künstlerisch gesehen waren Henri Laurens und Fritz Wotruba zwei Revolutionäre mit konservativen Wurzeln. Beide Bildhauer hielten zeitlebens am Kanon der menschlichen Figur fest. Und beide machten sich mit Energie und Erfolg daran, den klassisch (ab)geformten menschlichen Körper auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen.

Doch wo der gelernte Steinmetz Laurens von innen gespannte organische Volumen formt, schichtet der architekturbegeisterte Wotruba tektonisch gebaute Gebirge. Gemeinsam bleiben beiden die elementaren Zweifel des Kubismus an Form und Raum. Laurens saugte sie im Austausch mit Picasso und Gris unmittelbar in seinem Pariser Umfeld ein. Abzulesen ist das am ebenso scharfkantigen wie motivisch uneindeutigen Relief „Nature morte“ von 1928 (160 000 Euro). Dem Wiener Wotruba, der sich vor 1933 stark nach Deutschland orientierte, vermitteln sich neue, unabgesicherte Formen durch Arbeiten von Lehmbruck und Maillol.

Man muss nur die beiden spektakulären Hauptwerke der Ausstellung – Laurens’ große Fassung von „L’Adieu“ von 1941 (Preis auf Anfrage) und Wotrubas „Große Liegende“ vom Anfang der fünfziger Jahre (370 000 Euro) – vergleichen, um die Differenz beider Temperamente zu erfassen. „L’Adieu, geschaffen als Erwiderung auf die Emigration, scheint das ganze Unglück dieser Epoche zu enthalten“, so Marthe Laurens nach dem Tod ihres Mannes 1954. Wotrubas „Große Liegende“ ist dagegen auf den ersten Blick eine Kopfgeburt. Und lagert doch so entspannt da, als sei ihr alles Theoretisieren über Kunst herzlich egal.

Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstraße 72: bis 13. Dezember; Mo-Fr 10-18.30 Uhr, Sa 10-14 Uhr. Der Katalog kostet zehn Euro.

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