Kultur : Körperkonzert

Rattle und seine Kids in der Arena Berlin

Frederik Hanssen

Das Education-Programm der Berliner Philharmoniker ist wie ein Eisberg. Gut sichtbar ist nur die Spitze: Das alljährliche große Tanzprojekt in der Arena Berlin in Treptow ist Kult, ein Medienereignis. Die je 3000 Tickets für die beiden Aufführungen waren auch diesmal ruckzuck ausverkauft. Der allergrößte Teil der außergewöhnlichen Jugendarbeit des Spitzenorchesters allerdings wird vom Glanz dieser Großereignisse überstrahlt. Dabei sind die Philharmoniker bei den kleinen Projekten in den Schulen viel stärker involviert als in der Arena, wo sie vor allem als exquisites Begleitorchester der Tänzer fungieren. Bei den anderen Aktivitäten der Spielzeit schwärmen sie als Streetworker in die Stadt aus, entwickeln vor Ort in den Klassenzimmern mit den Kids eigene Kompositionen. Das Thema wird vom jeweiligen Konzertprogramm vorgegeben. Das Stück selber bekommen die Jugendlichen aber erst ganz zuletzt zu hören, beim Probenbesuch in der Philharmonie. Denn Cathy Milliken, der Leiterin der Education-Abteilung, ist es sehr wichtig, dass die Teilnehmer selber kreativ werden, eigene Klänge in sich entdecken und den Mut fassen, diese dann auch wirklich freizulassen.

So funktionieren auch die Tanzprojekte: Das meiste, was dabei passiert, bekommt der Zuschauer gar nicht zu sehen. Wenn am Sonntag die Darsteller die vieleckige Bühne in der Arena betreten, sind aus wilden Horden bereits konzentrierte Mitmacher geworden. Kinder, die sonst nur vor der Playstation ruhig sitzen können, haben gelernt, die Energie, die in ihnen steckt, in geordnete Bahnen zu lenken. Sie haben ihre Körper entdeckt, den aufrechten Gang, den gezielten Weg, das bewusste Stehen. Man braucht schon liebende Elternaugen, um in dem, was Sjoerd Vreugdenhil mit Zweit- und Drittklässlern erarbeitet hat, eine „Choreografie“ zu entdecken. Doch wie die Zwerge im Dunkeln auf die Szene huschen, wie sie kollektiv stillliegen, ihren Namen in die Luft malen, sich dann hochrappeln, um ein Klettergerüst zu erklimmen, wie sie alle schließlich stolz oben sitzen, sich von einem Gebläse ihre weiten, weißen Kostüme aufpusten lassen, bis sie flattern wie eine Blume im Wind – das berührt unmittelbar, ohne den Umweg über die Kunst.

Zum ersten Mal sind nicht die gesamten Philharmoniker bei dem Event dabei, denn Simon Rattle hat zeitgenössische Werke in ungewöhnlichen Besetzungen ausgewählt. Bei Elena Kats-Chernins „Purple Silence“ sind das vier Hornisten, bei Edgar Varèses „Ionisation“ 13 Schlagzeuger. Strawinskys „Les noces“ schließlich erklingt in der Version für vier Klaviere, Chor und Solisten. Moderne Musik der heftigen Sorte, die in der Philharmonie garantiert zum Exodus des konservativen Abonnenten-Flügels führen würde. Hier aber wird sie zum Soundtrack, treibt die Tänzer an: Bei Xavier Le Roy sausen sie in Turnstundenklamotten über die Bühne, bei Aletta Collins geht’s im Retro-Outfit über Tische und Stühle. Für alle wird es ein unvergesslicher Abend bleiben.

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