Kultur : Körperloser Klang

KLASSIK

Uwe Friedrich

Jean Philippe Rameau war bereits 50 Jahre alt, als er mit seinen modernen Harmonielehre in Paris Aufsehen erregte. Dabei lebt die Musik des Barockkomponisten nicht zuletzt von der „Poesie des Augenblicks“. So eignet sich das Konzert der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen hervorragend als Ergänzung zur gleichnamigen Ausstellung französischer Genremalerei, die derzeit im Alten Museum zu sehen ist. Eine Orchestersuite aus Rameaus Oper „Dardanus“ eröffnet den Abend im Kleinen Saal des Konzerthauses : lauter musikalische Schlüsselszenen. Ob heiter klingelndes Tambourin oder melancholisch verhaltenes Menuett, immer zeigt sich Rameau als Meister der Atmosphären und Charaktere. Und Dirigent Reinhard Goebel fordert die Musiker zu farbigem Spiel.

Auch Johann Sebastian Bachs Kantaten „Mein Herze schwimmt im Blut“ und „Jauchzet Gott in allen Landen“ wird diese Behandlung zuteil, wenn Goebel dabei gelegentlich auch ein wenig zu viel des Guten tut. Schließlich sind die Bremer sicht- und hörbar hochmotiviert bei der Sache. Im klitzekleinen Kammermusiksaal sind sie gelegentlich formatsprengend und nicht immer hilfreich für die Sopranistin Christine Schäfer. „Alt trifft neu“: Unter dieses Motto stellen die Bremer die Begegnung zwischen dem Alte-MusikSpezialisten Goebel und der aufs Zeitgenössische spezialisierten Berliner Sängerin. Weil sie nicht brüllen mag, muss sie sich zwar gelegentlich geschlagen geben, sichert aber die elegante Linie und den geistlichen Charakter der Kantaten. Die Arie „Tief gebückt und voller Reue“ wird so zum Musterbeispiel, wie selbst beinahe körperloser Klang persönlichen Ausdruck tragen kann. Auch Kleinigkeiten von Wilhelm Friedemann Bach leben vom Reichtum der instrumentalen Mittelstimmen. Zum Abschluss reicht das Orchester eine Streicherpetitesse Tomaso Albinonis vom Dresdner Hof. Goebel nennt sie „Gute-Laune-Musik“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben