Kultur : "Körperwelten": Beerdigungspflicht für Kunstwerke?

Kerstin Decker

Am nächsten Sonnabend ist sie da, die erfolgreichste Sonderausstellung der Welt. Professor Dr. med. Gunther von Hagens "Körperwelten" ziehen ein in den alten Postbahnhof neben dem Ostbahnhof. Wahrscheinlich ist es zugleich die meistdiskutierte Ausstellung der Welt. Dabei sehen wir im Grunde etwas sehr Alltägliches. Menschen wie du und ich, Schachspieler, eine liegende Schwangere, Lassowerfer, Muskelmänner, Tänzer - jedoch mit einem Unterschied: nicht nur die Frau, alle Berufstätigen und Freizeitler hier befinden sich in anderen Umständen - sie sind bereits tot. Und stehen doch vor uns - aber ohne Haut. Einer trägt sie mit Stolz über dem Arm.

Was ist das? Eine Attraktion!, urteilte das breite Publikum und nahm nicht selten sechs Stunden Wartezeit in Kauf. Über eine Million kam im letzten Jahr auf den Heumarkt in Köln. Vom Dom herüber sah man die Dinge auf dem Heumarkt ein wenig anders, forderte ein Verbot der Leichenfledderei und: Beerdigt die Plastinate! Der Journalismus einer gewissen Gemütsverfassung meldete: "Die Gruselleichen kommen!" Juristen schlugen in Gesetzbüchern nach und fanden den Paragraphen: Das öffentliche Zurschaustellen von Leichen ist verboten. Außerdem gelte die Beerdigungspflicht. - Das sind keine Leichen, das sind Kunstwerke, wehrten sich die Anhänger des Schachspielers und des Hautträgers. Seit wann gelte Beerdigungspflicht für Kunstwerke?

Rechtzeitig zu Beginn der Berliner Ausstellung fährt ab morgen ein "Körperwelten-Mobil" durch die Stadt, prominentester Passagier ist ein plastinierter Toter, er - oder der Verband der Körperspender Berlins? - verteilt auch Aufklärungsmaterial. Und ein Buch über die Ausstellung und den Streit ist erschienen. Es heißt "Schöne neue Körperwelten". Klett-Cotta lud zur Buchpremiere ins Pathologische Museum der Charité. Ein Konkurrenzunternehmen? Da stehen sie noch immer in freudlosen Reihen - Zyklopen, Janusköpfige, die erstaunlichsten (mythologischen) Mißbildungen, die Zeiten überdauernd in Formalin. Professor von Hagens mag kein Formalin. Es mache die Präparate nass, übelriechend und grau, findet er. 1893 wurde das Formalin eingeführt, 1977 erfand von Hagens die "Plastination".

Er steht vorn im kriegszerstörten Pathologischen Hörsaal und sieht aus wie Joseph Beuys. Schwarzer Hut, weißes Hemd, schwarze Lederweste. Er spricht jedes Wort einzeln, hält die Hände streng ineinander gefaltet wie zum Gebet - oder ist es die einzige Möglichkeit, sie von unaufhörlicher Tätigkeit abzuhalten? - und wirft das Handknäuel regelmäßig in Richtung der Zuhörer. Der Hörsaal ist noch immer eine Ruine (mit Betondecke), er wirkt viel vergänglicher als von Hagens Tote. Die Toten sind gerade sein Thema. Was ist ein Toter? Der Wissenschaftler in Hagens beginnt "drei Hauptformen der menschlichen Leiche" zu unterscheiden, nämlich den Leichnam (auch Verwesungsleiche), die Feuchtleiche und die Trockenleiche. Alle drei Hauptformen zerfallen wieder in überraschend viele Unterformen, wobei der Trauerleichnam die absolute Hauptform der Unterform darstelle. Das Auditorium folgt mit leicht nervöser Spannung, und es ist nicht ganz sicher, ob jeder von Hagens conclusio zu folgen vermag. Seine Leichen seien mitnichten Trauerleichen, sondern bildeten die zweite Untergruppe der Hauptgruppe Trockenleiche: künstliche Trockenleichen, ergo müssen sie nicht beerdigt werden. Ergo unterhält von Hagens keinen illegalen Friedhof. Und fürwahr, wer wollte Wiederauferstandene beerdigen?

Denn es sind ja Wiederauferstandene im wahrsten, wenn auch unmittelbarsten Sinne des Wortes. Sie nehmen jede Haltung an dank Hagens revolutionärer Technik, dem Körper Wasser und lösliche Fette zu entziehen (in tiefgekühltem Azeton), um sie danach durch Kunststoffe wie Silikonkautschuk, Expoid- oder Polyesterharz zu ersetzen. Es sind Plastinate. Und bleiben doch Leichen. Aber mit einzigartigen Oberflächeneigenschaften, würde der Fachmann sagen. "Die Faszination des Echten", heißt die Ausstellung im Untertitel. Doch, von Hagens weiß genau, worauf der Erfolg seiner Schau beruht. Und an dieser Echtheit, das zeigt der Sammelband, zerfallen noch immer die Geister. Aber hier, direkt neben Virchows Formalin-Kollektion, hat von Hagens es nicht schwer. Die Herausgeber des Buches, ein Philosoph und eine Rechtswissenschaftlerin, mögen ihn. Der Philosoph, mit Nietzsche-Bart, klärt uns in seinem Beitrag nach Art der Philosophen rücksichtslos auf. Die übliche Grabinschrift in diesem Land "Hier ruht in Frieden" sei sachlich falsch; viel mehr müsse es heißen: "Hier fault in der Erde ...". Ach ja, die Aufklärer. Der Gedanke, dass sie mit der Illusion manchmal das Humanum selber abschaffen könnten, kommt ihnen nie. Es wird noch viel zu sagen sein über diese Ausstellung. Doch eines ist schon jetzt klar - das einfache, blauäugige Dafür ist genauso verdächtig wie das starre Dagegen. Von Hagens nimmt dem Tod seine Fremdheit. Er passt in unser titanisches Zeitalter.

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