Kultur : "Körperwelten": Schön tot

Kerstin Decker

Aber das ist ja ein Gewächshaus. Sieht gar nicht aus wie ein illegaler Friedhof, eher wie ein verspäteter Beitrag zur Grünen Woche. Nur dass am Eingang zwischen all dem Grün statt des Gärtners ein freundliches Skelett steht. In seinem Rücken weiß es zur Verstärkung Vitrinen mit sämtlichen Gelenken sowie Frontalschnitten durch Hände und Füße. Es wirkt alles sehr lehrhaft-anatomisch, nicht wie Jahrmarkt. Nun gut, das "Skelett- und Muskelsystem mit Organen (Raucher)" ist schon härter. Auf einer Seite hat es Muskeln, auf der anderen eine schwarze Lunge.

Aber wo ist das Pferd, die erklärte Mitte der Berliner Totenschau? Ganz hinten, gleich gegenüber der Raucher- und der Krebslunge, dort wo die Gleise aus dem früheren Postbahnhof hinauslaufen ins Unendliche oder mindestens bis zur Warschauer Straße. Ein Reiterdenkmal mit anderen Mitteln. Hautlos. Genau vor einem Jahr war das vielleicht teuerste Pferd der Welt (eine halbe Million Mark) fertig, nach 8000 Arbeitsstunden. Ein vorauseilender Kommentar des Plastinators zur BSE-Krise? Der Reiter - er ist nur Haut und Knochen, will man noch immer sagen, falsch, er ist nur Darm, Leber und Knochen - der Reiter also hält dem Tier sein Gehirn vors Maul. Wie ein Stück Zucker. Dem Vegetarier ein ziemlich ekliges Stück Fleisch. Aber was macht das kluge Pferd? Jeder sieht es. Es bäumt sich auf. Es ist keine Kuh. Wenn es könnte, liefe es weg. Sage noch einer, Plastinate würden nicht aufklärerisch wirken. Man müsste sie allen Rindern zeigen.

Am Pferd schieden sich sofort die Geister, da lag es noch völlig zusammengefaltet - ein Häuflein postmortaler Materie - in 8000 Litern Aceton. Gunther, jetzt gehen Sie zu weit!, befand der einstige Chef und Förderer des Erlebnisanatomen an der Universität Heidelberg. Er erblickte vor seinem geistigen Auge weniger das Gesamt-Pferd als vielmehr dessen gewaltigen Fuß. Er hielt ihn für symptomatisch. Das sagt er jetzt sinngemäß auch auf der Eröffnungspressekonferenz. Ein ordentlicher Anatom macht keine Reiterdenkmale. Die Detailpräparate sind Professor Wilhelm Kriz viel lieber. Schräg neben dessen Rednerpult sitzt der Schachspieler mit freigelegtem Gehirn. Er schaut nicht auf vom Brett. Er hat noch keinen einzigen Zug getan. Wahrscheinlich hält er nicht viel von Detailpräparaten. Schließlich ist er ein Ganzkörperpräparat.

Die schöne junge Frau des Plastinators erklärt, warum die "Körperwelten" nicht schon fünf Jahre früher nach Berlin gekommen sind. Da wollte sie keiner hier. Jetzt ist Berlin die letzte Station der Ausstellung vor ihrer großen Auslandstournee. Man hört der Plastinatorenfrau zu inmitten von 200 menschlichen Exponaten und muss doch immer denken, dass im Falle ihres frühzeitigen Ablebens der Plastinator etwas ganz Besonderes aus ihr machen wird. Schwimmerin geht nun nicht mehr, die ist schon fertig, gerade rechtzeitig für Berlin. Eine sehr schöne - ja, soll man sagen: Skulptur? Manchmal vibrieren ihre Hände, wenn wieder ein Journalist an ihren Metallrahmen stößt. Es scheint, die Schwimmerin wolle hinüber zum Schachspieler.

Tremendum und Faszinosum. Das ist der Affekt im Angesicht des Heiligen. Es ist auch ein Jahrmarktsaffekt. Schauern und Hingezogensein in eins. "Die Faszination des Echten" eben. Aber ein Jahrmarkt, ein bloßer Spaß mit Leichen ist das nicht. Man kann sich vorstellen, dass es fast stiller ist in dieser Ausstellung als in der Kirche. Auch vor dem "Schubkastenmenschen" oder dem "Total expandierten Körper", die beide der Surrealist Salvatore Dalí erfunden haben könnte.

Der Präparatcharakter überwiegt selbst bei jenem stark tätowierten "3-d-Scheiben-Plastinat", dessen (durchschnittene) Hand eine Blume trägt und der Unterarm eine nun vollends unvergängliche junge schöne Frau. Ist es wirklich anonym? Bei der Schwangeren im fünften Monat unwillkürliches Erschrecken vor den hellen blauen Augen. Fast wartet man auf den Lidschlag unter den Wimpern. Und erkennt Hände und Füße des Kindes in ihrem Bauch. Ja, es ist eine Gratwanderung. Und man möchte Professor Bazon Brock, ohne den die Ästhetik doch so langweilig wäre, gern einen großen Aufsatz schreiben lassen über seinen eigenen Satz: "Musealisierung ist die säkularisierte Form der Bestattung". In den nächsten Tagen will ein Geistlicher ein Requiem halten für die (Un)Toten der Ausstellung.

Der Mensch ist das Tier, das anfing, seine Toten zu begraben. Der Stand einer Kultur ist noch immer ablesbar am Umgang mit ihren Toten. Von Hagens passt zu uns. Er verrät mehr über uns, als uns lieb sein kann. Keine größere Differenz ist denkbar zwischen den Wiederauferstehenden im Dom von Orvieto und diesen Wiederauferstandenen im Geiste der Fitnessstudios. Aber man schließt diese Kluft nicht mehr, schon gar nicht mit Verboten. Ein Bodybuilder, einer von fast dreitausend Körperspendern in spe, sagt, dass er "auf dieser Welt etwas zurücklassen möchte". Seine Muskeln. Ist das unsere Idee von Unsterblichkeit? "Willst du wirklich ewig leben, mußt du deinen Körper geben", fiel von Hagens mal beim Duschen ein. Wir ertragen die Fremdheit des Todes nicht, wollen alles uns gleich machen. Auch ihn. Tot und schön. Schön tot. Das ist unsere Art der Bannung.

Bleibt das Reiterdenkmal. Es zeigt doch nicht die BSE-Krise, sondern nach Willen seines Schöpfers - Gehirn in der Hand - die Überlegenheit des menschlichen Geistes. Von Hagens hat auch noch ein Kamel in seiner Tiefkühltruhe. Aber vielleicht wird er zuerst ein vollständiges Streichquartett plastinieren. Für das "Menschenmuseum" der Zukunft.

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