Kultur : Koffer in Berlin

Ulrich Clewing

bricht eine Lanze für die raumgreifende Kunst Es ist noch nicht lange her, da waren Rauminstallationen eine ganz heiße Sache. Jeder, der auf sich hielt, folgte damals dem Grundsatz: eine Galerie, ein Werk. Mittlerweile ist die allgemeine Liebe zur Installation wieder etwas abgekühlt, weil sich herumgesprochen hat, dass die Begriffe „raumgreifend“ und „sperrig“ nur zwei Seiten derselben Medaille sind. Gerade unter Marktaspekten kann es sich nachteilig auswirken, einem potentiellen Käufer erklären zu müssen, er bräuchte jetzt bloß noch den Kran zu bestellen, um das gute Stück ins heimische Wohnzimmer zu wuchten.

Das ist schade, denn in keinem anderen Medium lässt sich so schön mit unterschiedlichen Objekten und Materialien spielen, können so suggestive Sinnzusammenhänge hergestellt werden. In Berlin gibt es momentan einige gelungene Beispiele zu besichtigen. Wer die eindrucksvolle, saalfüllende, an dieser Stelle bereits erwähnte Arbeit von Franz Ackermann (Tsp. vom 28.8.) bei neugerriemschneider zu Themen wie äußere und innere Reisen, Imagination und Malerei sehen möchte, sollte sich beeilen: Heute ist der letzte Tag einer dieser Ausstellungen, die man nicht versäumen darf (Preis auf Anfrage, Linienstraße 155, 11-18 Uhr).

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Eine weitere sehenswerte Installation hat Simone Mangos bei M.+R. Fricke aufgebaut. Simone Mangos ist eine Künstlerin, die sich wunderbar darauf versteht, überraschende Verbindungen zwischen Dingen zu konstruieren. Ein Foto hat eine Geschichte, ein Gegenstand auch, und wenn man beide kombiniert, dann stellen sich im günstigen Fall vielfältig schillernde Assoziationen ein. In der Galerie Fricke hängt ein Foto an der Wand, das Mangos auf einem Flohmarkt entdeckt hat: Man sieht Menschen, die fröhlich in die Kamera winken. Manche von ihnen tragen kleine Koffer. Im Hintergrund ist ein Mann in Soldatenuniform zu erkennen und man beginnt zu ahnen, dass diese Menschen ihre Koffer möglicherweise nicht freiwillig tragen. Das Foto hat Mangos auf spezielle Art an der Wand fixiert: Ein schwerer Laternenmast aus DDR-Produktion liegt quer im Raum, drückt gegen das Bild und hält es so an der Wand. Ein gestürzter Mast, Spuren der Vergangenheit, eine Reise ins Ungewisse, das ist das Koordinatensystem, in dem sich Mangos Werk frei schwebend bewegt (Preis auch hier auf Anfrage, Linienstraße 109, bis 30.Oktober).

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Bei Barbara Thumm schwebt derzeit auch was, kleine Modelle der weltweit gängigen Kampfbomber nämlich, die die Engländerin Fiona Banner dort installiert hat (Dircksenstr. 41, bis 30.10.). Das schaut putzig aus und auch ein bisschen gaga und erlangt seine Würze dadurch, dass Banner im selben Raum zwei Teile von echten Kampfflugzeugen hingestellt hat, auf die sie Zitate von schauerlichen Gewaltszenen geschrieben hat (18000 bis 32000 Pfund). Diese Zitate sind nur mit Mühe zu entziffern, doch danach ist es definitiv aus mit der Putzigkeit.

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