Kultur : Kohle ist nicht alles

Silvia Hallensleben

begibt sich auf die Spuren der Arbeiter Der 1. Mai scheint als Kampftag der Arbeiterklasse ziemlich out zu sein. Vielleicht liegt das an der missbräuchlichen Verwendung des Tages zur EU-Osterweiterung letztes Jahr, vielleicht aber auch am traurigen Niedergang der europäischen Arbeiterbewegung. Keine einzige festtägliche Filmvorstellung in Ost und West! Kein cineastischer Niederschlag, wenn man einmal von Nives Koniks Dokumentation der Berliner Maifestspiele absieht, die aber auch nur bis zum Walpurgis-Samstag im Dokument Kino läuft. Außerdem gehen hier, im Kreuzberger Maitrubel der letzten Jahre, die Inhalte zwischen Demohektik, Volkszorn, Bier und Polizeiknüppeln doch recht hoffnungslos unter.

Eindringlicher und poetischer ist ein Film, der seine Energien noch aus der Tradition der mittlerweile so bitter zugrunde gerichteten englischen Arbeiterkultur schöpft. Seacoal – das Porträt einiger Männer und Frauen, die sich an der nordenglischen Küste mit dem Sammeln von Kohleresten durchschlagen – ist schon zwanzig Jahre alt, aus dem Jahr 1985. Doch die Frauen und Männer des 1968 gegründeten Amber-Kollektivs in Newcastle arbeiten immer noch gemeinsam an Filmen und anderen kulturellen Projekten, die sich mit Zärtlichkeit und ungewöhnlich viel Geduld den Menschen ihrer unmittelbaren Umgebung widmen. Dabei hat Amber schon früh mit semidokumentarischen Ansätzen gearbeitet, wie sie in den letzten Jahren im Film wieder populär geworden sind. Und im Unterschied zu manchen Dokumentaristen, die ihre so genannten Protagonisten dankbar als kostenlose Darsteller nutzen, bekommen bei Amber auch nichtprofessionelle „Mitspieler“ das gleiche Honorar (Freitag, Samstag, dann noch einmal Montag im Regenbogenkino).

Aus der Tradition der deutschen Arbeiterbewegung kommt der Defa-Regisseur Konrad Wolf, der 1982 viel zu früh verstarb. Wolf war Sohn des sozialistischen Schriftstellers Friedrich Wolf und emigrierte 1933 als Kind mit der Familie in die Sowjetunion. 1945 kehrte er als Soldat der Roten Armee nach Berlin zurück und wurde für einen kurzen erstaunlichen Augenblick der Geschichte Stadtkommandant von Bernau. Die Erfahrungen dieser Zeit hat Wolf in einem seiner schönsten Filme verarbeitet, Ich war neunzehn . Jetzt haben die Filmhistoriker Rolf Aurich und Wolfgang Jacobsen gemeinsam die erste umfassende Biografie des Regisseurs fertig gestellt. Das Buch „Der Sonnensucher. Konrad Wolf“, Ende März im Aufbau-Verlag erschienen, wird am Montag nach einer Vorstellung von „Ich war neunzehn“ im Blow-Up-Kino vorgestellt.

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