Koki Tanaka: Ausstellung „A vulnerable narrator“ : Demokratie auf dem Kopf

Seine Kunst ist leise, aber höchst politisch: Koki Tanaka fordert mit sozialen Experimenten Menschen zur Gemeinschaftsarbeit heraus. In der Ausstellung "A vulnerable narrator" in der Deutschen Bank Kunsthalle sind nun die Werke des "Künstlers des Jahres" zu sehen.

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Koki Tanaka in der Kunsthalle der Deutschen Bank.
Zusammenarbeit mit Fremden: Koki Tanaka zeigt in der Kunsthalle der Deutschen Bank Videos und Bilder seiner partizipativen...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es hat schon etwas Kurioses, einen Mann zum „Künstler des Jahres“ zu küren, der es sich zum Prinzip gemacht hat, hinter seiner eigenen Arbeit zu verschwinden. Die alljährlich von der Deutschen Bank vergebene Auszeichnung verspricht die große Bühne, einen Sprung ins Rampenlicht. Dort steht nun der Künstler Koki Tanaka, 1975 im japanischen Tochigi geboren.

Tanaka hat 2013 den japanischen Pavillon der Biennale in Venedig bespielt und in großen Museen von Paris bis New York ausgestellt, die Ausstellung „A vulnerable narrator“, die am heutigen Donnerstag in der Deutsche Bank Kunsthalle eröffnet, ist aber seine erste Einzelschau in Deutschland.

Koki Tanaka ist ein Mann der sozialen Experimente. Er ließ zum Beispiel neun Friseure auf eine einzige Kundin los. Gemeinsam sollten sie der Frau die Haare schneiden, Kompromisse schließen, ein Gemeinschaftswerk schaffen. Demokratische Prozesse auf dem Kopf. Tanaka brachte auch schon fünf Pianisten zusammen, die gleichzeitig Klavier spielten oder fünf Keramiker, die an einem Gefäß töpferten. Letzteres war der schwierigste Prozess in dieser Reihe. „Der Versuch ist gescheitert. Am Anfang waren alle noch glücklich, aber es ist nichts Gutes herausgekommen“, sagt Tanaka. Scheitern ist für ihn ein Sinnbild künstlerischen Arbeitens. „Man fällt hin und macht doch immer weiter.“ Auch Demokratie funktioniere ähnlich.

Tanakas Kunst ist leise, aber höchst politisch

Tanakas Kunst ist zwar leise, aber doch höchst politisch. Begonnen hat der Künstler damit schon vor dem Tsunami und der Nuklear-Katastrophe von Fukushima im Jahr 2011. Aber erst seitdem bekommen seine partizipativen Aktionen Halt in der Realität. Gemeinschaftsarbeit, nichts anderes passierte damals. „Die Menschen in Tokio hielten plötzlich zusammen. Lebensmittelgeschäfte verteilten Essen und Trinken an Passanten, die gezwungen waren, zu Fuß nach Hause zu laufen, weil Busse und Bahnen stillstanden“, erzählt Tanaka. Seine Galerie bot in ihren Räumen Schutz. Es herrschte Solidarität, „ein utopischer Moment“, so der Künstler.

Fünf Menschen und eine Töpferschale.
Schwieriger Prozess: fünf Menschen und eine Töpferschale.Foto: Vitamin Creative Space

Man muss sich diesen Mann als optimistischen Träumer vorstellen, der diesen utopischen Moment immer wieder herzustellen versucht. Ein naiver Weltenretter ist er aber nicht. Wenn ein Künstler in Japan zum Teetrinken einlädt und jeden Gast bittet, Aufgussbeutel mitzubringen, die dann alle in einer Kanne hängen, dann ist das durchaus brenzlig. Denn welchen Tee bringen die Teilnehmer mit? Eine Ernte von vor 2011? Oder eine von danach, die möglicherweise radioaktiv verseucht ist? Koki Tanaka lebt dank eines Stipendiums zurzeit in Los Angeles, aber aus der Distanz zur Heimat erkennt er auch: „In Japan vergessen wir schon wieder, in welch kontaminierter Umwelt wir leben.“ Dass Deutschland sich für den Atomausstieg entschieden hat, bewundert er.

„A Vulnerable Narrator“: Verletzliche Erzähler

„Prekäre Aufgaben“ nennt Koki Tanaka seine Aktionen. Denn sie liegen jenseits der täglichen Routinen, das reicht aus, um Menschen aus der Bahn zu werfen. So bat er Londoner Bürger, ihren Nachhauseweg in die Vororte zu rekonstruieren, in denen 2011 Plünderungen und Straßenproteste stattfanden. Eine Frau wählte zum Beispiel eine Route, die sie nur noch durch belebte Hauptstraßen führte. Welche Gewohnheiten geben Menschen auf und wie bewusst nehmen sie diese wahr, das sind Fragen, die Tanaka reizen. Dazu passt auch der Titel der Kunsthallen-Ausstellung „A Vulnerable Narrator“. „Verletzliche Erzähler“, so sieht Tanaka die Teilnehmer der Aktionen, die sich auf Wagnisse einlassen.

Die Ausstellung gibt einen breiten Überblick über das seit einem Jahrzehnt wachsende Werk. Wandfotos im Riesenformat und Videos auf schräg in den Raum gestellten Sperrholzwänden dokumentieren die flüchtigen Happenings. Dazu gibt es persönliche Texte des Kunstaktivisten. Improvisiert mutet die ganze Ausstattung an und unterwandert so den Repräsentationsgestus des Kreditinstituts. Sie entspringt einem auf Kooperation ausgerichteten Künstlerkopf, der sich nicht mehr als Genie wahrnimmt und dessen Videos zum Teil auch frei im Internet verfügbar ist. Wenn schon die Kunst auf der Straße spielt, warum dann nicht auch in der Öffentlichkeit des digitalen Netzes?

Tanakas Kunst ist global

Zu sehen sind hier wie dort auch jene Videos, mit denen Tanakas künstlerische Karriere begann. „Everything is Everything“ zeigt über Minuten, wie Tanaka handelsübliche Alltagsgegenstände, Matratzen, Eimer, Kisten, Leitern, Besen, Schaufeln, Becher oder Schirme mit spielerischer Fingerfertigkeit umkippt, wirft, zerdrückt, öffnet und schließt. Diese Poesie des Banalen dient in der Retrospektive als Vorbereitung auf die aktuelleren Arbeiten. Auch damals ging es dem japanischen Künstler darum, Eingefahrenes aufzubrechen, Objekte des täglichen Gebrauchs anders zu nutzen.

Spätestens die Ereignisse der vergangenen Monate zeigen mit Nachdruck, dass Tanakas Kunst global ist. Als nach den Angriffen auf die Satirezeitschrift Charlie Hebdo mehr als 1,5 Millionen Menschen alleine in Paris Seite an Seite trauerten, war er wieder da, dieser utopische Moment, dem der Künstler nachspürt. In der Ausstellung in Berlin fordert Tanaka die Besucher auf, sich an der Suche nach solchen Gemeinschaftsmomenten zu beteiligen. Wer hat Hinweise darauf, wie es gelingen könnte, soziale Gleichheit herzustellen? „Es muss keine brillante Idee sein, es könnte etwas Kleines, schwer Erkennbares sein“, sagt Tanaka. Seiner Meinung nach könnten sich interessante Ideen sogar in Gedichten oder Kochbüchern verbergen.

Deutsche Bank-Kunsthalle, bis 25. Mai, täglich 11-20 Uhr, Katalog 39 Euro.

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