Kollek-Film "Fast Food, Fast Women" : Das Leben ist ein scheuer Liebhaber

Kerstin Decker

Amos Kollek hat ein neues Genre erfunden, den Anna-Thomson-Film. Er hat früher Nicht-Anna-Thomson-Filme gemacht, aber da kannte Kollek noch keiner, obwohl er fast schon fünfzig war. Anna Thomson ist in Kolleks Anna-Thomson-Filmen immer so Mitte dreißig, ansonsten aber eine Frau wie jede andere. Vielleicht etwas schöner. Vielleicht etwas einsamer. Vielleicht etwas unglücklicher. Jedenfalls in "Sue" und "Fiona" war das so, und genau darin lag ihr Reiz.

Denn ein wenig zu schön für ihr Unglück war Anna Thomson schon immer. Und dabei so verloren, so schweigsam, so zu allem bereit - geriet Verzweiflung hier nicht zum Ausdruck höchster Sinnlichkeit? Sicher, auch das. Vor allem aber bannte Amos Kollek diesen seltsamen Sog ins Bild, der den Einsamen noch einsamer macht. Der ihm zuerst die kleinen Gesten nimmt, dann die Stimme. Nein, diese Sue, das sah man gleich, würde keine Arbeit mehr finden; in allen ausgesucht normalen Vorstellungsgesprächen war immer diese Unverhältnismäßigkeit in ihren Bewegungen und diese Sätzen, die sie verrieten. Und die den anderen verrieten, dass sie nicht mehr dazugehörte - zum Leben. Nun gibt es natürlich eine Schwierigkeit. Die völlig lebensmüde hochsinnliche Frau ist ein schier unerschöpfliches Sujet, im Baudelaireschen Sinne, und trotzdem ganz anders als, nunja, Asterix zum Beispiel. Man kann davon viel schwerer Fortsetzungen drehen.

Darum hat Amos Kollek jetzt den entscheidenden Schritt gewagt. Anna Thomson ist zwar wieder Mitte dreißig, genauer, sie wird demnächst fünfunddreißig, ein Datum, dessen sie täglich mit leisem Grauen gedenkt. Die Bilanz-Gedanken nähern sich, etwa so: Das Leben sollte endlich sagen, was es will. Kommt es zu mir, oder zieht es sich endgültig zurück, völlig egal - das ist sie, die schon etwas hysterische Entschlossenheit der Fünfunddreißigjährigen! Nur sollte es sich endlich entscheiden.

Trotzdem ist "Fast Food, Fast Woman" kein Rückzug des Lebens in 90 Minuten. Es verlässt die schöne Frau nicht wie ein überdrüssiger Liebhaber, ganz allmählich. Nein, Kollek beschloss, das mit der Verzweiflung einmal richtig optimistisch zu sehen. Und das muss dann auch einen Sog gegeben haben. Das Leben geht direkt auf Anna Thomson zu, die jetzt kongenial Bella heißt. Oder nein, es nähert sich ihr ganz allmählich wie ein scheuer Liebhaber. Das Leben kann ein wunderbarer Liebhaber sein. In seinen schönsten Augenblicken zeigt Kollek das. Aber dann passiert ihm etwas Ähnliches wie Sue damals bei ihren Vorstellungsgesprächen. Er trifft den Ton einfach nicht, die Gesten geraten zu klein oder zu groß. Zu groß meistens. Kollek hat kein Talent für das Glück. Wer es nicht für selbstverständlich hält, hat wohl keins.

Bella ist also Kellnerin und findet, dass man im Angesicht seines 35. Geburtstags ein paar Zäsuren setzen sollte. Zum Beispiel sich von dem verheirateten älteren Dauerfreund trennen, der ja doch kein Kind will mit einem. Bella aber möchte unbedingt eins. Wann, wenn nicht jetzt? Mit fünfunddreißig hat man meist auch noch eine viel lebenserfahrenere Freundin, die alle Wege zum Glück genau kennt. Regel Nummer eins: Gegenüber neuen Männern immer leugnen, was du wirklich willst! Kinder etwa.

Man ahnt die Art der Komplikationen, die sich aus dem Ratschluß solcher Lebenskundlerinnen ergeben. Sie passen in jede Boulevardkomödie. Und genau davon, von der Art der dort auftretenden Zu- und Unfälle hat "Fast Food, fast Woman" allzu viel. Wollen wir noch erwähnen, welch riesenhaftes Millionen-Anwesen von höchst fragwürdigem Geschmack Bella erben wird, und dass sie trotzdem Tag um Tag weiter in dem kleinen New Yorker Restaurant kellnert? Und dass ihr neuer kinderlieber Freund (zwei hat er schon) zu ihr in die Villa ziehen wird, und dann machen sie zusammen einen Streichelzoo auf? O ja, man kann diesen Film erklären. Es ist, als wolle Amos Kollek alles gut machen, was er Anna Thomson in "Sue" und "Fiona" angetan hat. So ist das mit den Verzweifelten. Sie übertreiben einfach alles. Auch das Glück.

Sue kommunzierte durch Sex. Das mochte eine recht einseitige Lösung sein, aber sie war konsequent. Man musste nicht viel sagen, die Mitteilung war trotzdem vollständig und der Empfänger egal. Ein Kommunikationsideal, gewissermaßen. Andere verzweifeln an der Liebe. Sue liebte aus Verzweiflung. Jetzt erstaunt man bis zum Schluss darüber, wie viel Anna Thomson reden kann. Und dazu dieses karitative Allerwelts-Syndrom. Sue oder Bella: Im Zweifel für die Verzweiflung.

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