Kultur : Koloraturen am Kamin

Einstimmung auf kommende Opern-Premieren: Marylea van Daalen organisiert „Opera Lectures“ im Hotel Adlon

Carsten Niemann

Fordernd klingelt das Handy, doch wenn sich Marylea van Daalen in Feuer redet, kann sie nichts bremsen: „Die Leute hier in Berlin wissen gar nicht, was sie haben!“, ruft sie aus. Wovon ist die Rede? Nicht vom Hotel Adlon, wo wir die Gattin des Hotel-Direktors treffen. Es ist die Musikstadt Berlin mit ihren drei großen Opernhäusern, der das flammende Plädoyer der geborenen Amerikanerin gilt. Marylea van Daalen ist es zu verdanken, dass sich der Prachtbau in Mitte zu einer ersten Adresse auch für all diejenigen entwickelt hat, die sich in der von Spardebatten und Kompetenz- Querelen geprägten Berliner Opernlandschaft nach Aufbruchstimmung sehnen. Seit 1997 organisiert sie im Kaminzimmer der Beletage ihre „Opera Lectures“: Lektionen und Künstlergespräche in englischer Sprache, wo sich Opernfans aus aller Welt bei Wein und anschließendem „light Buffet“ auf jede einzelne Premiere der Saison einstimmen lassen können.

Dass die Veranstaltung ein Refugium für einheimische Opernliebhaber geworden ist, die sich von der eigenen Opernlandschaft entfremdet fühlen, nimmt van Daalen gerne in Kauf. Geblieben ist jedoch die Grundidee, ausländischen Opernbesuchern eine musikalische Heimat in der Musikstadt Berlin zu geben: „Als wir 1994 von Paris nach Berlin kamen, habe ich angefangen, vor Premieren etwa 25 Frauen nach Hause einzuladen“, erzählt van Daalen von den Anfängen. Ein befreundeter Professor aus England hielt eine Einführung, Künstler wie die „Lulu“-Darstellerin Laura Aikens kamen hinzu, ließen sich zu ihrer künstlerischen Arbeit befragen. Die Frauen waren begeistert – konnten sie doch hier etwas über die kulturellen Hintergründe von Opern erfahren und über die Musik in einer Stadt Fuß fassen, in die viele von ihnen wie van Daalen erst im Zuge von Wende und Hauptstadtboom gekommen waren. Nach der Eröffnung des Hotel Adlon machte van Daalen aus dem privaten Experiment eine öffentliche Reihe, die mittlerweile auf ein knappes Dutzend Veranstaltungen im Jahr angewachsen ist.

Das Anliegen der Opera Lectures, für das man sich Partner wie Dussmann oder Lazard mit ins Boot holte, sei dabei nicht-kommerziell geblieben, betont van Daalen: „Wir verdienen nicht an den Opera Lectures“. Aber man wolle ganz bewusst etwas für den Standort Berlin tun: „Wer etwa als Diplomat oder Geschäftsmann neu in Berlin ist und hier die Oper entdeckt, der nimmt etwas mit, wenn er wieder geht: Erlebnisse, die einem keiner mehr nehmen kann.“ Keine Stadt der Welt begünstige die wirkliche Auseinandersetzung mit der Oper so wie Berlin. Denn „in New York oder London“, gibt die Opern-Lady zu bedenken, „ist es sehr schwer, Tickets zu bekommen – und wenn, dann sind sie viel zu teuer.“ Hier aber könne man fast jeden Abend ins Musiktheater gehen – und jenseits vom Luxus einer großen Aufführung die emotionale Widersprüchlichkeit von Oper begreifen. Diese regelmäßige Auseinandersetzung mit dem, was Oper wirklich ist, so van Daalen, sei nachhaltiger als einzelne „Glanz-Explosionen“.

Wie man Menschen an die Kunst heranführt, weiß van Daalen, die in Boston französische Literatur und Geschichte studierte, in Paris Kulturreisen organisierte, sich im nonprofit-Bereich für die Kunstförderung engagierte, privat musiziert und zum eigenen Vergnügen ein Libretto zu einer Berlin-Oper schrieb. Dass ihre Lectures den Geist eines offenen „Salons“ behalten, der Schwellenängste vor der hehren Kunstform Oper abbaut, dafür sorgt seit Jahren regelmäßig Jolyon Brettingham Smith. Der HdK-Professor, Opernkomponist und SFB-Radiomoderator weiß die Fakten mit treffenden Anekdoten, klugen Künstlerinterviews und viel englischem Humor zu servieren. Zu Gute kommt den Veranstaltungen, dass van Daalens Opernliebe überparteilich ist: „Wir müssen alle drei Häuser unterstützen“, so ihr Credo. Dass sie sich umgekehrt mehr Engagement und Offenheit der großen Häuser gegenüber ihrem Publikum vorstellen kann, verschweigt van Daalen nicht. Wenn sie einen Künstler zum Gespräch in das Kaminzimmer einlade, suche sie den direkten Kontakt, statt auf sich auf die Vermittlung der Verwaltungen zu verlassen. Ein symptomatisches Beispiel dafür, dass es hierzulande noch viel zu wenig Unterstützung für privates Engagement gebe. „Dabei“ ruft sie aus, „sind es doch unsere Häuser“.

Die nächste Opera Lecture zur Peter-Grimes- Premiere an der Komischen Oper findet am 14. April 2003, 19 Uhr im Hotel Adlon statt. Tickets unter Tel. 2261 - 1700 , 30 Euro.

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