Kultur : Kolossal

Das RSB mit Hamelin beim Musikfest Berlin

von

Ein „später“ Mensch ist er genannt worden und ein geschmackvoller Musiker, ein Stilparodist in dem Sinn, dass ihn die geliebte Kunst zu bewusster Imitation angeregt hat: Ferrucio Busoni. Seine Heimat war das musikalische Abendland, sein Idol Franz Liszt. Im Liszt-Jahr vor 100 Jahren gab der Virtuose Busoni in Berlin sechs Liszt-Abende. Was folgt aus all diesen Tugenden mit dem Ziel, „etwas wiederzubeschaffen, was besteht“? Dass der Komponist Busoni kein Aufreger ist. Und doch berührt es wundersam, beim Musikfest in der Philharmonie diesem Koloss eines Klavierkonzerts von Busoni zu begegnen, das 72 Minuten dahinrauscht.

Eine seltsame Naivität ist darin, pianistische Schwierigkeiten zu türmen, spätromantisch bis „jungklassizistisch“, ohne original zu werden. Fünf Sätze mit einem hymnischen Männerchor am Schluss, liebliches Geläute, trillerndes Gewusel, tolle Dramatik, zwinkernde Heiterkeit.

Über allem schwebt bewundernswert die unerschütterliche Virtuosität Marc-André Hamelins, die das Publikum enthusiasmiert. Marek Janowski und sein Rundfunk-Sinfonieorchester leisten Schwerarbeit, nachdem sie mit dem gefeierten Rundfunkchor „heilige Saiten“ berührt haben: in Kompositionen von Brahms, einem der vielen Vorbilder Busonis. Yvonne Naef stimmt den Goethe-Text der Alt-Rhapsodie mit schöner Tiefe an, die etwas auf Kosten der Spitzentöne geht. Und die Hölderlin-Interpretation des „Schicksalsliedes“ gipfelt in der Mitte, in „ewiger Klarheit“. Sybill Mahlke

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben