Kolumne "Flugblätter" : Keine Ahnung, aber stets dabei

Merkels Raute signalisiert leere Gestaltung, "keine Ahnung" meint dabeigewesen: Der Soziologe Tilman Allert erklärt, was das alles soll - in "Latte Macchiato. Die Soziologie der kleinen Dinge".

von
kariertes Buchcover Foto: Promo
Cover der "Soziologie der kleinen Dinge"Foto: Promo

Mit dem Bekenntnis, „keine Ahnung“ zu haben, spicken vor allem Jugendliche seit einigen Jahren gern jedweden daherschlendernden Satz im Alltag. „Wir war’n noch Pizza essen, mit Fred und so, keine Ahnung, bin dann spät nachhause, keine Ahnung…“

Kleine Phänomene der Gegenwart sind es, die bei Tilman Allert, Soziologe an der Frankfurter Goethe-Universität, großes Erkenntnisinteresse wecken. Was etwa soll, was will, was zeigt „keine Ahnung“? Wo rührt sie her, diese ubiquitär hingehuschte Formel?

„,Keine Ahnung‘, aber man spricht weiter“, konstatiert Allert. „Ja, in der kaum noch bemerkten Integration des kleinen Skandals in den Fluss des Sprechens wird gegen den propositionalen Gehalt ,Ich habe keine Ahnung‘ angearbeitet. Satz für Satz wird widerlegt und das Beschämende des Bekenntnisses zum Verschwinden gebracht.“ Damit werde, folgert Allert, „das ,keine Ahnung‘ eine triumphale Abbreviatur des ,Dabeisein ist alles‘, die das Reden mit einer Sorge um Erreichbarkeit unterlegt.

Allerts bestechend kluge und originelle Vignetten, gibt es nun in einer Sammlung, (Latte Macchiato. Soziologie der kleinen Dinge. S. Fischer, Frankfurt/Main 2015. 239 S., 17,99 €.), die die analytische Wucht hinter den Beobachtungen besser zur Geltung bringt, als es ein einzelnes Feuilleton könnte. Je banaler die Sujets – Graffitisprüche, Redeweisen, Gesten, Markenlabels – desto verblüffender oft der Ertrag. Geschult unter anderem an Georg Simmel, Niklas Luhmann und Reinhart Koselleck löst sich Allert vom gewohnten Jargon der Soziologen. Seine Freude an sprachlicher wie gedanklicher Eleganz färbt beim Lesen ab, ebenso der leise sirrende, untergründige Humor.

„Reflexionen aus dem beschleunigten Leben“

Angela Merkels Geheimnis, „ein Protektionsversprechen an die Nation“ klärt Allert am Beispiel der bekannten Raute auf, die ihre Hände formen, und die als pars pro toto für eine Haltung gelesen werden kann. Die „vorpolitische Geste des Hypothetischen und der Zurückhaltung“ signalisiert „leere und unheroische Gestaltungsgewissheit.“ Im Erfolgsrezept der minimalistischen Modedesignerin Jil Sander sieht der Wissenschaftler eine Kombination aus protestantisch deutscher Nachkriegsaskese und dem weiblichen Schritt in die Berufsavantgarde am Werk. Die so produzierte Selbstdarstellung entspricht dem „Binnenwandel des Oberschicht-Milieus“. Die immer aufwendigeren Abiturfeiern deutet er als „glanzvolle Choreografie zur suggerierten Statusantizipation, eine Ankunft im Erfolg“ – den viele der Feiernden nie kennen werden.

Allert lehrt den ethnografischen Blick neu, der im Vertrauten das Fremde entdeckt, er animiert zum soziologischen Nachdenken. Seine Texte beweisen, dass es die Mühe lohnt, im mitreißenden Strom der aktuellen Zeichen behutsam nach Erkenntnis zu fischen. Allerts Position des Beobachtens ruft nicht auf zu Protest, aber auch nicht zum Unterlassen von Protest. Schlüsse zum Weiterdenken oder Handeln aus der Krise der Gegenwart zu ziehen, bleibt dem Leser seiner Notizen überlassen. In ihren besten Passagen sind diese brillanten Texte verwandt mit denen Walter Benjamins oder Adornos „Minima Moralia“, den „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“. Auch Allert sammelt zeitgenössische Symptome und liest sie verdichtet, aber er transponiert kritische Deutungswege in eine Gegenwart der westlichen Industriegesellschaft, die weniger vom beschädigten Leben berichtet, als von einem unbekümmert wirkenden Leben, konfrontiert mit einem Überangebot an Optionen, aus der eine Konfusion der Normen resultiert.

Am ehesten handelt es sich hier um „Reflexionen aus dem beschleunigten Leben“. Gedeutet werden Lust und Frustration, Überschuss und Abwehr, denn Sigmund Freuds Psychoanalyse, nicht zuletzt, ist Tilman Allerts Zeugin. Der Soziologe unterrichtet übrigens auch an Berlins „International Psychoanalytical University“ (IPU), die ein in der Stadt einmaliges Programm anbietet. Am 14. November widmet sich dort der erstklassig und international besetzte Workshop „Migration - Soziales Trauma - Identität“ dem wohl akutesten Thema in der Krise der Gegenwart.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben