Kolumne : Jetzt ist Anpfiff!

Moritz Rinke schreibt einen Brief aus Ungarn und denkt über die Midlife Crisis nach.

Moritz Rinke

Hallo!

Letzte Woche bin ich mit dem Wort „Midlife“ eingeschlafen und dem „Lebensabend“ auf den Lippen am Donnerstag um sechs Uhr in der Früh aufgewacht. Vermutlich aus aktuellem Anlass, weil ich plötzlich völlig überraschend eine 4 vor der 0 in meinem Leben hatte. Auf jeden Fall fängt man da schon mal zu rechnen an. Und natürlich beinhalten die grundsätzlichen Gedanken über Midlife auch die Entfernung oder Nähe zum Lebensabend: Wann beginnt der Lebensabend und wie viel Uhr ist dann eigentlich Midlife?

Ich hatte mittlerweile eine Kerze angezündet und mit der Frage „Wie spät es wohl jetzt ist?“ zu rechnen begonnen. Arthur Miller hat in seinen „Zeitkurven“ geschrieben, dass Midlife wie ein Bergkamm sei, auf dem man stehe und auf der einen Seite das gelebte Leben sehe und auf der anderen das noch zu lebende. Ich stelle mir vor: Berge und Täler auf der einen und offene, weiße, unberührte, schöne Schneeflächen auf der anderen Seite. Bin gerade an einem ungarischen Heilsee ohne Internet, aber Miller ist, glaube ich, circa 90 geworden und ich finde auch, das ist ein gutes Alter. Angenommen also, man würde 90, dann kommt das mit den Bergen und den unberührten Schneeflächen mit 45.

Albert Einstein hat einmal gesagt, die natürliche Lebensdauer eines Menschen stehe auch in einem mathematischen Verhältnis zu seiner Wachzeit. Angenommen, man errechnet die eigene durchschnittliche Aufsteh- und Zu-Bett-Geh- Zeit und setzt sie in ein Verhältnis zum avisierten Miller-Alter, dann wird es interessant. Mein durchschnittlicher Wachzeitwert liegt vermutlich bei 9 bis 24 Uhr, das sind 15 Stunden, umgerechnet im Sinne Einsteins: 90 Jahre = 15 Stunden. Teilt man dann das Leben durch 2, macht das siebeneinhalb Stunden, das ist Midlife. Gerechnet vom Aufstehwert wäre es bei Midlife: 16 Uhr 30, das Licht ginge, wie gesagt, um Mitternacht aus. Da ich hier keinen Taschenrechner habe, schätze ich mal, dass es bei mir jetzt ungefähr vier Uhr am Nachmittag ist. Ich kann damit ausgezeichnet leben!

Zum Lebensabend: Er beginnt in dieser Beispielsrechnung ab 80, das wäre umgerechnet um fünf vor elf, 22 Uhr 55. Ich finde den Begriff „Ruhestand“ ab 65 grauenvoll. Man sagt auch auf dem Friedhof „Hier ruht Herr Meier“, dann ist doch beim lebenden Herrn Müller „Im Ruhestand“ zu sagen total bescheuert? Warum sagt man nicht einfach „Vorabend“ oder „Herr Müller ist im Frühherbst?“ Das wäre September, ist doch schön! „Im Ruhestand“ weiß man außerdem überhaupt nicht, wie’s gerade draußen aussieht!

Lebensabend wäre November, man kann auch „Lebensneige“ sagen (circa 80 Grad). Ruhestand wäre definitiv null Grad! Und das ab 65?! Nee!

Liebe Leserin, lieber Leser, man muss in dieser Kolumne nicht jedes Rechenexempel verstehen (relative Rinke-Theorie), und Menschen wie Johannes Heesters würden noch mal ganz anders rechnen, ich wollte nur sagen: Es ist vier Uhr am Nachmittag. Vielleicht ist es auch bald erst halb vier, wenn ich noch länger in diesem thermischen Heilsee sitze. Und wenn ich nicht E 412 in das Müsli kriege, Ungarn wird gerade von einem Lebensmittelskandal heimgesucht. (E 412 ist Guargummi und da ist in Indien Dioxin hineingeraten, damit ist der ukrainische Präsident vergiftet worden, wird hier sogar im Bio-Joghurt angeboten). Ohne E 412 und mit Heilsee ist es also halb vier, da erleben die Profifußballer immer den Anpfiff!

Na also! Jetzt ist Anpfiff! Und es ist, bis auf den „Ruhestand“, den ich und Herr Müller ablehnen, alles in Ordnung.

Aus Ungarn, Ihr MR.

P.S.: Diese Kolumne habe ich aber jetzt gebraucht!

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