Kolumne : Neue Rhetorik

Autor Moritz Rinke reist nach Saudi-Arabien und fragt sich, wie frei er fragen darf.

Moritz Rinke

Dieser Tage gab es in den Fernsehnachrichten eine Pressekonferenz, bei der sich ein Journalist mehrmals entschuldigte, dass er anderer Meinung sei. Man sah nur ihn, wie er sich wieder und wieder entschuldigte und ich wartete auf die Einblendung von Putin und einer Pressekonferenz zum sogenannten Machtwechsel. Dann aber wurde Yong-Boon Yeo eingeblendet, der singapurische Außenminister, daneben saß der deutsche Außenminister Steinmeier.

Mit Singapur verbindet man asiatische Börsenberichte, Biotechnologie, internationalen Warenhandel, aber keine putinhaften Pressekonferenzen, bei denen man sich lieber achtmal entschuldigt, wenn man eine Frage falsch formuliert hat. Singapur, das habe ich jetzt nachgelesen, ist eine parlamentarische Republik nach dem Westminster-System in einem vereinigten Königreich. Klingt eigentlich nicht schlimm, richtige Fragen darf man aber wohl trotzdem nicht stellen. Kritiker sagen, Singapur bewege sich eher zwischen Demokratie und Totalitarismus in Richtung Autoritarismus.

Momentan beschäftige ich mich mit Staatsformen. Die deutsche Schriftsteller-Nationalmannschaft reist diese Woche zur Buchmesse nach Riad und spielt im Saud-al-Faisal-Stadion gegen saudiarabische Schriftsteller. Saudi-Arabien ist eine absolute Monarchie. Es gibt parlamentarische und konstitutionelle Monarchien, absolute Monarchien gibt es nur fünf auf der Welt: Swasiland, Brunei, Oman, Vatikanstadt und Saudi-Arabien. Vermutlich werden wir dort auch wie Steinmeier neben Prinz Saud al-Faisal bin Abdulaziz Al Saud sitzen, dem saudi-arabischen Außenminister, nach dem auch das Stadion benannt wurde, sowie saudischen Schriftstellern und uns Fragen von Journalisten anhören.

Am meisten Angst haben wir vor unseren Antworten und eigenen Fragen. Was soll man in einer absoluten Monarchie auf fundamental-religiöser Grundlage antworten und fragen? Wie soll man überhaupt antworten und fragen in einem Land, das wie Singapur absolut westlich unterwandert ist mit Shopping Malls, Four Seasons, Disney, Fußball, aber öffentliche Hinrichtungen und Auspeitschungen praktiziert?

Deutsche Schriftsteller haben für öffentliche Podien fast eine automatisierte Rhetorik, da sagt man Sätze wie: „Ohne die subventionierte Kritik der Kunst am Staat würde die Gesellschaft nicht funktionieren!“ Oder: „Eine Gesellschaft ohne Widerspruch ist eine tote Gesellschaft!“ So etwas kann man vermutlich vor den im Lande lebenden saudischen Schriftstellern nicht sagen. Mit Empathie hätte das wirklich nichts zu tun. Andererseits sollen gerade die Tage der Buchmesse in Saudi-Arabien die offensten sein, sogar Frauen dürfen an manchen Tagen auf die Messe und man konnte sogar das Skandalbuch „Die Girls von Riad“ von Rajaa Alsanea kaufen oder „Die Verschwulung der Welt“ des Libanesen Raschid Al-Daif.

Trotzdem üben wir lieber Schriftsteller-Rhetorik für absolute Monarchien und verlassen uns mehr oder weniger auf die Kollegen aus dem Osten. Unsere eigentliche Frage: „Was ist die Funktion von Schriftstellerei und Journalismus in einem Land, in dem man im Prinzip kein wahres Wort schreiben darf?“ überlegen wir abzuändern in: „Wie sehen Sie die Entwicklungen in Russland?“ Die Frage: „Öl und Dollars auf der einen Seite, strikte Religion auf der anderen Seite, glauben Sie nicht, dass dies auch zum Terrorismus führt?“ könnte lauten: „Prinz Saud al-Faisal, wie würden Sie die saudi-arabische Identität beschreiben?“

Man kann auch von Steinmeier lernen, denn der hat bestimmt Yong-Boon Yeo gefragt: „Wie würden Sie die singapurische Identität beschreiben?“, und danach konnte ihm niemand vorwerfen, er habe Kritik gemieden. Man kann überhaupt von Politikern lernen, die in Länder reisen, von denen wir wirtschaftlich profitieren, die aber in Sachen Demokratie im Mittelalter leben. Ihre Geschmeidigkeit bei mittelalterlichen Wirtschaftspartnern ist endlich für uns hilfreich. Schließlich wollen wir im Prinz-Faisal-Stadion auflaufen und nicht im Gefängnishof.

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