Kolumne : Reife Leistung, Mrs. Robinson!

Kai Müller über virtuelle Flashmobs und Chartstürmer.

And here’s to you, Mrs. Robinson“, sangen Simon & Garfunkel 1967, „Jesus loves you more than you will know/ Woah woah woah.“ Es war der Titelsong von „Die Reifeprüfung“ mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle, weshalb man noch heute mit Mrs. Robinson das schöne, gelangweilte Gesicht seiner Filmpartnerin Anne Bancroft verbindet. Die entsprach mit 36 Jahren zwar nicht jener unglücklich verheirateten Anwaltsgattin mit weißer Strähne im Haar, die eine erwachsene Tochter und eine Affäre mit dem Sohn des Geschäftspartners ihres Mannes hat, doch bescherte ihr die Rolle immerhin eine Golden-Globe-Auszeichnung.

Das ist lange her. Ein Fall fürs Popmuseum, wäre da nicht die Gattin des nordirischen Regierungschefs, Mrs. Iris Robinson, die ihren Mann und dessen prekäre Regierungskoalition mit einer delikaten Sexaffäre in Bedrängnis gebracht hat. Mrs. Robinson, 60, hatte ein Verhältnis mit dem damals 19-jährigen Sohn eines verstorbenen Freundes. Sie schanzte dem Jüngling Geld aus unklaren Quellen zu, das sie nach Beendigung der Liebschaft zurückforderte. Die Turtelei flog auf, Mrs. Robinson beging einen Selbstmordversuch und schon klingen Zeilen wie „God bless you please, Mrs. Robinson/ Heaven holds a place for those who pray“, vor mehr als vierzig Jahren gesungen, unerwartet aktuell.

Wenn Simon & Garfunkel diese Woche erneut in den britischen Charts auftauchen, dann als Resultat einer Internet- kampagne neuen Typs, die schon einmal vor Weihnachten großen Erfolg mit dem Bemühen hatte, Popsongs als Waffe einzusetzen. Statt hinzunehmen, dass wie immer irgendein Christmas-Schrott an die Chartspitze gelangt, verabredete sich eine Netz-Community, den unweihnachtlichsten Titel überhaupt nach oben zu putschen: „Killing In The Name“ von Rage Against The Machine. Schnell fanden sich genügend Mitstreiter, um den Song für weniger als ein Pfund zu kaufen. Begleitet vom Wettkampfgetöse in britischen Medien wurde so der Gewinner der Casting-Show X-Factor, Joe McElderry, mit seiner abgeschmackten Version eines Christmas-Hits deklassiert. Ein Triumphgeheul schallte durchs Internet – der virtuelle Flashmob hatte das professionelle Marketing geschlagen.

Pop zum Mitmachen, das ist seit dem Hype um die Arctic Monkeys und den Votingdramen bei Castingformaten wie DSDS ein Erfolgsmodell. Kurz nachdem sich vorige Woche bei Facebook die Gruppe „Here’s to you Mrs. Robinson for number 1“ gegründet hat, hat das Forum bereits über 26 000 Mitglieder. Jeder müsste 69 Pence investieren, um der „naughty little minx & hateful bigot“, wie Iris Robinson beschimpft wird, eins auszuwischen. Wenn es klappt, ist das womöglich der Auftakt zu noch koordinierteren Online-Attacken, die sich ihrer plebiszitären Macht bewusst sind. Songs gibt es für jede Not- und Lebenslage.

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