Kolumne: SPIELSachen : In neuem Licht

Matineen sind eine geniale Erfindung: Christine Wahl begeistert sich für Lesungen im Theater.

Christine Wahl

Die Sonntag-Matineen des Deutschen Theaters sind eine geniale Erfindung. Wenn großartige Schauspieler konzentriert auf ihrem Ur-Instrumentarium – Körper und Stimme – ebenso großartige Texte vergegenwärtigen, kann nichts schiefgehen. Da wird sich kein „Othello“ aus Originalitätsgründen weiß statt schwarz schminken. Da hat „Homo Faber“ keine Kubaner-Combo im Schlepptau. Und da wird keine antike Meeresgott-Familie durch das Tragen eigentümlicher Matrosenanzüge entzaubert.

Stattdessen kann sich der Matineen-Besucher sicher sein, dass Margit Bendokat selbst mit einem Oldtimer wie „Die Weihnachtsgans Auguste“ neue Perspektiven eröffnet oder das Schicksal der „Marquise von O.“ noch nie so viele drängende Fragen aufwarf wie in der Lesung der großen Inge Keller.

Der jüngste Fall, in dem man klüger aus dem Theater kam, als man hineingegangen war, war denn auch eine Matinee: Ulrich Matthes’ Lesung der Kleist-Briefe am Deutschen Theater. In einem kleinen Kommentar auf dem Programmzettel betont der Schauspieler ihre Modernität. Erst Matthes selbst hat diesen hellsichtigen Zweifler auf der Bühne zu unserem Zeitgenossen gemacht. So tief er in Hermann Beils Textfassung in die Abgründe und Sehnsüchte Kleists hineintaucht, so wenig stellt sich je Pathos ein. Das Gefühl des ewigen Ausgeschlossenseins, die Panik vor dem Mittelmäßigen, das verzweifelte Klammern an einen „Lebensplan“ als trügerischer Fluchtweg aus dem Gefühlschaos: Matthes bringt derart viele Facetten zutage, dass die Briefe in neuem Licht erscheinen. Wenn er am Schluss die berühmten Zeilen aus dem Abschiedsbrief an Ulrike spricht – „Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war“ –, glaubt man, sie zum ersten Mal zu hören. Vieles an dieser Art, in der Matthes die Texte buchstäblich durchdrungen hat, erinnert an die großartigen Gosch-Abende. Vor allem an „Onkel Wanja“, der in Matthes’ Darstellung auch ein Horizonte weitender Zeitgenosse ist. Die nächste Vorstellung am 30. Dezember ist zu Recht längst ausverkauft.

Dafür liest Ulrich Matthes am Sonntag (13.12.) in einer Matinee im Deutschen Theater, 11 Uhr, aus dem Roman „Atemschaukel“ der Nobelpreisträgerin Herta Müller, den er lange vor dem Stockholm-Hype als Hörbuch eingesprochen hat. Dabei wird man dann wieder einem klugen Schauspieler beim Denken zusehen und zuhören können.

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