Kultur : Komiker Kain

Mit dem Stachel löcken: Wie Peter Brook in Potsdam die späten Bruchstücke Samuel Becketts komödiantisch zusammenfügt

Peter von Becker

Peter Brook ist jetzt 83, und der kleine weißkahle Mann sieht immer mehr aus wie ein bald altersloser Elf oder ein Engel mit verlorenen Flügeln. Bald wirkt er selber so leicht, so schwebend wie seine Inszenierungen. So etwas überirdisch menschenfreundlich auch: mit seinem Lächeln, das Mund und Augen ganz zu Schlitzen macht, als schaute man ins Gesicht nur einer unergründlich heiteren Maske aus asiatischem Porzellan. Jetzt ist er, der letzte Guru des Welttheaters, nach Potsdam ans Wasser gekommen, in eine ehemalige Werkhalle neben dem Hans-Otto-Theater auf der alten Schiffslände. Und als das Publikum ihn am Ende mit seinen Schauspielern feiert, da färbt ein Anflug von Freuderot die Maske, dazu ein kurzes Nicken, und schon strebt, entschwebt er weiß und weise weg ins Dunkel der Kulisse. Draußen vorm Theater folgt ein Wolkenbruch.

Einige Minuten zuvor – die ganze Vorstellung dauerte nur eine gute Stunde –, da fuhr vom Bühnenhimmel noch ein Stachel herab. Der von Heiner Müller einst sadistisch-sarkastisch zitierte „Beckett-Stachel“. Denn Peter Brook, den es auf seiner nunmehr sechzigjährigen Weltreise durchs Theater aller Zeiten, Katastrophen und Kontinente immer mehr zur schwebendleichten, kurzweiligsten Einfachheit drängt, er hat mit nur drei Akteuren fünf späte Kurzstücke Samuel Becketts unter dem Titel „Fragments“ inszeniert. Diese Texte handeln oder besser: sprechen, flüstern, hauchen allemal von existenzieller Vergeblichkeit. Ihre unausgesprochene Philosophie ist die ursprünglichste (und dabei völlig klaglose): Leben heißt, zu sterben lernen. Dazwischen, davor vielleicht auch mal eine Liebe. Doch sie ist wie jedes Gefühl irgendwann nur noch der Schatten eines Schattens, und Becketts Wesen bewegen sich, wie es in dem zweiminütigen Monolog oder eher schon Gedicht „Neither“ („Weder“) heißt, „vom inneren zu äußerem Schatten / vom undurchdringlichen Selbst zum undurchdringlichen Nichtselbst ...“.

Das klingt, zumal in deutscher Übersetzung und für deutsche Ohren, in denen es gleich auch hölderlint und heideggert und celant, bedeutungsschwer oder unfreiwillig banal. Aber Peter Brook, obwohl seit dreieinhalb Jahrzehnten in und mit seinem interkulturellen Pariser Theaterlabor in den Bouffes du Nord arbeitend, ist noch immer ironischer Brite genug, um den Pariser Iren Beckett, der seine späteren Texte meist sowohl englisch wie französisch geschrieben hat, beim schlankeren, cooleren Englisch zu nehmen.

Und er nimmt ihn vor allem als Komödianten. Bei der ersten Etüde des aus den Bouffes du Nord (einer romantisch abblätternden ehemaligen Vaudeville- Bühne) in die Potsdamer Halle zur überfüllten, bejubelten Deutschlandpremiere importierten Abends droht der Zug ins ganz und gar Unterhaltsame noch zu entgleisen. Das „Bruchstück I“ aus dem Jahr 1974 zeigt ein Dramolett mit zwei Krüppeln, einem blinden Bettler und einem Lahmen, die sich im brüderlichen Streit gegenseitig ihrer letzten Instrumente berauben. Warum der eine nun nicht von sich aus zu sterben gedenke, was hindere ihn denn? Da antwortet der Blinde dem Lahmen: „Ich bin nicht unglücklich genug.“ Das sei schon immer sein Problem gewesen.

Natürlich ist das komisch und Becketts Szene ein Slapstick. Doch im Zusammenspiel zwischen Marcello Magni aus London und dem Israeli Khalifa Natour wird vor allem bei Magni das subtil Komische zur forcierten Deklamation und Grimasse. Doch das bleibt ein Ausreißer, und schnell gewinnt das fast requisitenlose, in offener Verwandlung auf einem kleinen Podest betriebene Spiel an poetischer Verdichtung. Der Schaukelstuhl einer Untoten („Rockaby“) ist da für die Schauspielerin Hayley Carmichael nur ein wippender Schemel, das reicht.

Der schon erwähnte Stachel in der – 1959 vom New Yorker Living Theatre uraufgeführten – Pantomime „Akt ohne Worte“ wurde von der Beckett-Gemeinde bisher meist als Folterwerkzeug gedeutet. Der Stachel soll aus der Waagerechten jeweils 30 Zentimeter in zwei Säcke stechen, aus denen wechselweise einer von zwei darin hausenden Männern kriecht, einer den anderen den Tag über als eingesackte Lebenslast mitschleppend, täglich immer neu gestochen. Das erinnert an Sisyphos oder den ewig vom Adler gehackten Prometheus – und an den Maschinenstachel, der in Kafkas Erzählung von der „Strafkolonie“ dem Häftling sein Urteil tödlich in die Haut schreibt.

Doch statt Kafka ist auch das bei Brook die reine Komödie: der Stachel ein harmloses Pappding aus der Senkrechten, das nur an die zwei Menschensäcke stupst. Magni und Natour aber erspielen, von aller apokalyptischen Metaphysik befreit, die wunderbare Groteske zweier hoffnungsloser Lebenskünstler, die abwechselnd in dieselbe Hose schlüpfen und einer des anderen Lebensgewicht als sein Bündel schleppt. Ihr Verzweiflungslachen wird so zum Kainsmal zweier Trippelbrüder. Brook löckt mit dem Stachel. Und Becketts Schwärze strahlt hellgrau.

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