Komiker Timo Wopp im Porträt : Wer nichts kann, kann alles machen

Erst Jongleur, dann Student der Betriebswirtschaft und Unternehmensberater, jetzt Komiker bei den Wühlmäusen: Eine Begegnung mit Timo Wopp.

Der "Wühlmeise"-Komiker Timo Wopp
Der "Wühlmeise"-Komiker Timo WoppFoto: Thilo Rückeis

Der Wopp muss ein cooler Hund sein. Nicht nur der schmalen Anzüge oder des Bühnenprogramms wegen, das den schönen Titel „Moral – eine Laune der Kultur“ trägt, sondern wegen seiner Dreifachbegabung: Jongleur, Komiker und Berater. Obwohl, die Tradition, dass Spaßmacher auch Lebensberatung liefern, gibt es ja sowohl im politischen wie auch im Kirchen- und dem Medizinkabarett. Letzteres betreibt auch Eckart von Hirschhausen, die rote Nase der Nation, ohne den im deutschen Fernsehen ja quasi gar nichts mehr geht. Doch als studierter Betriebswirtschaftler in der Unternehmensberaterbranche hat der zumindest nicht praktiziert. Timo Wopp schon. Und dabei nach eigener Aussage Führungskräfte von Banken, Mediamärkten und Lebensmittelketten zu Themen wie „Omnichannel“ und „Trägheitsantrieb“ aufgeklärt.

Nur folgerichtig, dass so ein Coach einen in eine dieser Kaffeebars bestellt, die natürliches Habitat von Consultern sind. Die Zubereitung eines Heißgetränks wird hier offensichtlich mit dem Zelebrieren einer Religion verwechselt. Bei den „Espressionisten“ in der Zimmerstraße, dieser von Bauarbeiten, Bigbikes und Segways verstopften Einflugschneise des Gedenk-Disneylands Checkpoint Charlie, funkeln die zum Verkauf stehenden Kaffeemaschinen wie die Messweinkanne auf dem Kirchenaltar. Und die hoch an den Wänden emporwachsenden Regale sind gefüllt mit falschen Büchern und echten Kaffeebohnentüten.

„Kaffee ist Kunst“, behauptet dreist ein großes Banner. Doch wo ist der Künstler? Weit und breit ist kein Anzugträger zu sehen. Nur eine Gruppe englischer Schulmädchen flutet quietschend die ehemalige Galerie. Diverse Viertelstunden später hat sich die Panne aufgeklärt und Timo Wopp schließt mit von Hitze und Hektik geröteten Wangen das Fahrrad an.

Wopp lebt seit 2006 in Berlin

Hinten drauf ist ein Kindersitz montiert. Das ist ja nun nicht so cool. Seinen Status als zweifacher Papa thematisiert er allerdings auch regelmäßig im Bühnenprogramm. Das vorherige mit dem theatralischen Titel „Passion“ wies genauso wie das jetzige, das sich um die kulturell determinierte Schizophrenie des Begriffs „Moral“ dreht, erhebliche Ähnlichkeiten zwischen dem Alltag der Bühnenfigur und dem wirklichen Wopp auf. Der wurde 1976 in Oldenburg geboren und lebt seit 2006 in Berlin. Den Bezirk – Mitte, Ecke Prenzlauer Berg – offenbart der Kabarettist ebenso bereitwillig wie die Kaffeesucht und das Faible für hässliche Ecken in Berlin wie in Warschau. „Städte ohne Linie fördern das Nachdenken und halten mich davon ab, gemütlich zu werden.“

Diese Art der psychischen Verfettung ist nach Diplom-Betriebswirt Wopp sowieso eine latente gesellschaftliche Gefahr. „Wir tauschen dauernd Selbstbestimmung gegen Bequemlichkeit ein“, konstatiert er. „In der Digitalisierung sind wir alle ein Stück weit Täter.“ Das ist das widersprüchliche Jedermann-Verhalten, das er auf der Bühne derzeit am liebsten thematisiert. Die sogenannte Share Economy sei das beste Beispiel. Mitwohngelegenheiten, Mitfahrzentralen waren ein richtig guter Ansatz, findet Wopp. „Wenn das aber Silicon-Valley-Firmen wie Uber oder Airbnb betreiben, macht mein scheinbar altruistisches Verhalten wenige Leute unfassbar reich.“

Warum er Wirtschaft studiert und einige Jahre in einer Beraterfirma gearbeitet hat? „Aus Protest gegen meine 68er-Eltern.“ Aus dem Opponieren gegen die linke Elterngeneration erwuchs nach seiner Ansicht auch der neoliberale Geist, der während des Studiums in Hamburg überall greifbar war. Auch daran ist also wieder mal die Linke schuld.

Ebenso griffig klingt, was Wopp als Consulter gelernt hat. „Dass Halbwissen nie davon abhält, Empfehlungen zu geben, und planlose Aktionitis bei völliger Ahnungslosigkeit immer noch das Sicherste ist.“ Labern können, souverän auftreten – so geht’s. Seine Lebenserkenntnis „Form geht über Inhalt“ greift beim Business ebenso wie auf der Bühne oder im Zirkus.

Dahin hat es Timo Wopp, der schon als Student an einer Profikarriere als Jongleur gebastelt hat, neben vielen anderen Bühnen vor zehn Jahren sogar bis nach New York verschlagen. In die Wintershow „Windhuk“ des Cirque du Soleil, wo er als erster Deutscher seines Fachs einen Solovertrag erhielt. Das Engagement erfüllt ihn heute noch mit stillem Staunen, so groß war der Korpsgeist der Artisten, so überschaubar die viel gefeierte Kreativität des kanadischen Unterhaltungsriesen. Der Showtitel „Windhuk“, mit dem man eigentlich Namibia und damit afrikanische Wärme assoziiert, sei nur gewählt worden, weil ein Wort gesucht wurde, dass irgendwie nach Winter klingt. „Das Bild muss stimmen. Ob es sinnvoll ist, ist völlig egal.“

Die Satire-Devise von Wopp: Widersprüche hinterfragen

Das Jonglieren wiederum, das Wopp auf die Dauer zu stereotyp war, hat sowohl den Berater als auch den Kabarettisten beeinflusst. Dessen entscheidender Bestandteil sei es, Fehler zu machen. „Doch wenn ich die vermeiden möchte, werfe ich nie mehr einen Ball hoch.“ Ein Profijongleur macht jedoch unablässig Fehler, nur auffallen dürfen sie nicht. Das mündete bei Wopp dann in einen mit Kunststücken gewürzten Firmenvortag über Fehlerkultur. Comedy-Vorträge dieser Art hält er nach wie vor in Unternehmen. Das seriöse Coaching hat er jedoch aufgegeben. Er glaubt nicht an diese Art der Lebenshilfe. Ebenso wenig wie an den Cirque du Soleil. Aber durchaus an die Comedy.

Die eigenen Widersprüche zu befragen, das sei in Zeiten von Trump und Terrorismus die eigentliche Aufgabe der Satire, findet Wopp und setzt in „Moral – eine kulturelle Laune der Natur“ ganz konkret bei Allerwelts-Ressentiments an. Beispielsweise gegenüber Veganern (dogmatisch) und Feministinnen (humorlos). Um den Klischees auf den Grund zu gehen, habe er sich mit beiden Gruppierungen getroffen und überraschend leckere, lustige Abende verbracht, erzählt er auf der Bühne. Na bitte: „Recherche ist der Feind der Meinung.“

Apropos Recherche. Wie war das mit den eingangs genannten Begriffen? Wopp erläutert. „Omnichannel“ beschreibt die Koordination von Produktbereichen. „Trägheitsantriebe“ ist ein Fachausdruck aus dem Motivationstraining. Mitarbeiter einer Firma, in der Veränderungen anstehen, sollen innere Widerstände überwinden, in dem sie die Sinnhaftigkeit ihres Handelns erkennen. Danke schön, wieder was gelernt. In seiner Beraterzeit hätten ihn nicht die langen Arbeitstage fertiggemacht, sinniert Timo Wopp, „sondern die permanente Angst davor, dass mich einer dabei erwischt, dass ich überhaupt nichts kann.“ So spricht ganz bestimmt kein cooler Hund.

Wühlmäuse am Theodor-Heuss-Platz, Di 27. Juni, 20 Uhr

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